Eigentlich wäre der Roman, den ich euch heute vorstellen möchte, fast als Manuskript in der Schublade geblieben. Doch schließlich ließ sich Allen Levi überreden, 2023 sein spätes Romandebüt im Selbstverlag zu veröffentlichen, wo es durch Weiterempfehlungen rasch Aufmerksamkeit erhielt. Nachdem ihn etwas später ein Verlag unter die Fittiche nahm, wurde das Buch in den USA rasch zum Bestseller.
Im Gespräch mit meiner Tochter in Vermont erfuhr ich letztens, dass ihr das Buch auch von Freunden empfohlen wurde. Und nun ist es in deutscher Sprache erschienen.
Allen Levi: “Theo in Golden”
Man merkt dem Romandebüt (!) von Allen Levi (geb. 1955 oder 1956) an, dass er bereits viel Zeit hatte, um Lebensweisheit zu sammeln. Mir hat diese sehr ruhige, nachdenkliche und berührende Geschichte gefallen, weil sie deutlich zeigt, was uns in diesen Zeiten über Ländergrenzen hinweg fehlt, in der Gesellschaft und auch in der Politik.
Erkenntnisreiche Gespräche auf der Parkbank
Als der 86 jährige Theo im idyllisch scheinenden Städtchen Golden in Georgia ankommt, kennt ihn niemand. Nur wenig über sich selbst wird er im Laufe des Jahres, das er in Golden verbringt, verlauten lassen. So umgibt ihn auch ein etwas geheimnisvoller Nimbus. Seine Welterfahrenheit merkt man ihm jedoch an. Er ist in Portugal geboren, hat nach umtriebigen Jahren seinen Wohnsitz in New York gehabt und verfolgt in Golden Geschäftsinteressen. Kaum mehr lässt er sich herauslocken.
Auf einer nachmittäglichen Erkundungstour besucht er das Café Chalice und entdeckt, neben dem formidablen Kaffee (selbst für europäische Ansprüche) an den Wänden 92 Bleistiftporträts. Er betrachtet jedes sehr sorgfältig und ergriffen. Spontan entschließt er sich, diese Zeichnungen eines lokalen Künstlers nacheinander zu kaufen. Theos Absicht ist es, die porträtierten Menschen aus Golden zu finden und ihnen ihre jeweiligen Bilder zu schenken.
Bei den persönlichen Zusammentreffen bietet er ihnen aber nicht nur das Kunstwerk an, sondern schenkt ihnen Raum, Zuwendung, und einen liebevollen Blick auf ihre Persönlichkeit. Eine Aufmerksamkeit, ein Sich-gesehen-fühlen, das die meisten noch nie so erlebt haben. Diese persönlichen Kontakte sind die Basis der Geschichte des Autors Allen Levi. Jedes Gespräch auf der Parkbank wird zur Erkenntnis. Die Begegnungen mit der milden Freundlichkeit Theos verändern und berühren viele Bürger*innen und die Gemeinschaft Goldens nachhaltig, stiften Freundschaften und Verbindungen.

Aufmerksamkeit und Wertschätzung
Alle Charaktere sind sehr sorgfältig entwickelt. Ganz vorne an natürlich Theo. Ein Mensch, den die meisten von uns gerne kennenlernen würden. Der sich für seine Mitmenschen interessiert, gute Manieren, warmherzigen und freundlichen Umgang pflegt, eine Art gütiger Großvater.
Was ihn so sehr auszeichnet, sind Eigenschaften, die in unserer Zeit leider Mangelware geworden sind. Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Neugierde, wache und menschliche Präsenz, Fähigkeit für Mitgefühl, Selbstlosigkeit. Seine Freundlichkeit wirkt aufrichtig und authentisch. Mit geübtem Auge und Einfühlungsvermögen sieht Theo bereits in den Porträts die Traurigkeit und Sehnsüchte der Menschen.
In den Begegnungen mit Anderen zeigt er sich als sehr aufmerksamer Zuhörer, von dem sich das Gegenüber verleiten lässt, freier als sonst zu sprechen.
Mit sicherer Hand wählt er hauptsächlich Bilder von Menschen aus, die in der Gesellschaft meist übersehen werden, für andere unsichtbar sind. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Theo, als in Europa geborener welterfahrener Mann, einen anderen Blick auf die amerikanische Gesellschaft hat.
Sehr sensibel sind die Charaktere dargestellt, deren Porträts sich Theo auswählt: nicht selten unentdeckte Talente, ausgegrenzte oder unterschätzte Menschen. Sie reagieren meist mit Dankbarkeit, dass er sich ihre Geschichte anhört, sich ihren Gesichtern und Gefühlen zuwendet. Manchmal hätte ich gern etwas mehr Entwicklung bei einigen Charakteren gesehen.

Den Finger in die Wunde legen
Eigentlich legt Theo damit seinen Finger in die Wunde der US-amerikanischen Gesellschaft (z.B. fehlende Krankenversicherung und soziale Absicherung, große soziale Unterschiede, Armut). Sein sehr einfaches, schnörkelloses Christentum kontrastiert auch deutlich zum Evangelikalen Stil, der gerade in USA durchgebrochen ist. Theos selbstloser Großmut hilft, dafür fehlt mir manchmal eine offenere Gesellschaftskritik. Hier hätte ich mir mehr Schärfe gewünscht.
Allen Levi erzählt episodenhaft mit über 60 eher kurzen Kapiteln seine Geschichte in sehr ruhigem gelassenem Stil. Es gelingt ihm, damit eine sehr innige Stimmung herzustellen. Seine Beschreibungen berühren und haben eine emotionale Kraft. Wenn sich die Erzählung bestimmten Charakteren zuwendet, wird das Tempo rausgenommen. Manchmal hätte etwas mehr Tempo und ein bisschen mehr Handlung allerdings gut getan. Da der Spannungsbogen etwas überdehnt ist, wird man von den temporeichen letzten Kapiteln ziemlich überrumpelt.
Fazit
Der Roman ist eine gute Ablenkung, aber auch ein Denkanstoß in unserer Zeit, in der man täglich von Hass und Wahnsinn in der Welt schier überrollt wird. Mancher denkt, dass man als einzelne Person sowieso nichts ändern kann und eigene Empathie keinen Unterschied machen würde. Hier möchte dieser Roman für das Gegenteil eintreten.
Levis Hauptanliegen ist die Menschenwürde, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht: Jeder Mensch hat seinen Wert und seine Würde. Das zarte Cover passt perfekt zur zurückhaltenden Habitus des Buches. Zumal die Feder feinsinnig auf einen ganz bestimmten Charakter des Romans verweist.
Ich bedanke mich beim Piper- Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Auf meine Meinung und Rezension des Buches hat dies keinen Einfluss.
Allen Levi:
Theo in Golden
Übersetzer: Bernhard Robben
Verlag Piper, September 2026
480 Seiten












