Als ich begann diesen Roman zu lesen, markierte ich wichtige, eindrückliche Stellen mit Post-its Irgendwann hörte ich damit auf, weil sonst das ganze Buch damit gepflastert gewesen wäre.
Iryna Fingerova lebt seit über 10 Jahren in Deutschland und arbeitet als Medizinerin. Sie hat dieses Buch teilweise auf Deutsch und auf Ukrainisch geschrieben. Ich hoffe, dass man in Zukunft noch mehr von ihr lesen darf. Eine absolute Leseempfehlung von mir!!
Iryna Fingerova: Zugwind
Die gebürtige Ukrainerin Iryna Fingerova hat mit „Zugwind“ einen Roman geschrieben, der einen beim Lesen weniger wie ein Wind, als wie ein Sturm mitten ins Herz trifft. Berührend, bewegend und mit emotionaler Tiefe!
Am 24.Februar 2022 nistet sich bei Mira Zehmann ein Zugwind ein. Mira ist Ärztin und bereits vor Jahren mit ihrem Mann Andrij, ebenfalls ein Mediziner, aus der Ukraine nach Deutschland emigriert. Hier sind sie Eltern von Tochter Rosa geworden. Mira stammt aus einer jüdischen Familie in Odesa. Doch nun, mit dem Beginn der russischen Vollinvasion, verändert sich ihr privates und berufliches Leben dramatisch.
Nach der Tätigkeit in einem Krankenhaus war Mira in eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis gewechselt. Rasch wird sie nun zur Anlaufsstelle für neue ukrainische Patient*innen. Sie hoffen neben medizinischer Unterstützung nicht nur auf sprachliches sondern auch emotionales Verständnis und Gehör. Mira wird mit einer Vielzahl von Arten und Symptomen traumatischer Erfahrung konfrontiert, durchlebt von Menschen aus verschiedensten Regionen der Ukraine mit unterschiedlichen Perspektiven und Geschichten.
In der Arztpraxis kreuzt sich ein Gewirr von Lebensfäden. Die vor dem Krieg Geflüchteten tragen neben körperlichen und seelischen Leiden, auch die Sehnsucht nach der Heimat und dem Verlorenen hinein. Mittendrin steht Mira wie ein Verbindungsglied zwischen der Vergangenheit und einer möglichen Zukunft. Doch sie schwankt unter der zermürbenden Belastung und ist doch innerlich selbst zerrissen.

Mit einer ungeheuren Wucht, großer Authentizität und Emotionalität wird man als Leser*in der dramatischen Situation der Geflüchteten gewahr. Man begreift, was der vom Krieg bewirkte Sturz aus dem vorher selbstbestimmten Leben bedeutet: Abhängigkeiten, Hilflosigkeit, Identitätsverlust, Kontrollverlust, Neuanfang ohne verbliebene physische und psychische Ressourcen und so viel mehr…
„Die Menschen unterschätzten die Anstrengung, die es kostet, in einer vollkommen neuen Realität zu leben.“ S. 29
Da man sich sehr schnell mit der berührend authentischen Figur der Mira identifiziert, fühlt man ihr Ringen um Stärke, ihre innere Zerbrechlichkeit, Sensibilität mit. Mira wird im Alltag förmlich zerrissen zwischen ihrer ärztlichen Tätigkeit, der Mutterschaft, den Problemen in der Klein- und Großfamilie, den Nachrichten über das Geschehen in der Ukraine und den Botschaften aus Odesa.
Ihre eigene Gefühlswelt gerät nicht minder in Turbulenzen als die der geflüchteten Menschen: Angst, Sorge, Schuldgefühle, Scham, tiefe Traurigkeit, Verzweiflung, Resignation. Wie sie lebt sie eigentlich in zwei Realitäten gleichzeitig.
Mira muss stark sein, anderen Halt geben und ringt selbst darum. Ich bewundere sie dafür, dass sie ihren coolen, frischen, teilweise auch selbstironischen Erzählton beibehalten kann.
„Das 21. Jahrhundert ist ein Schuss ins Knie der Identität. Alles wird in Zweifel gezogen – Geschlecht, Nationalität, Kultur, alles blubbert und vermischt sich mit allem, kocht über und läuft aus dem Kessel. Und kaum hast du begriffen, wer du eigentlich bist, da fliegen dir die Splitter der zertrümmerten Kniescheibe um die Ohren.“ S.185
Dass Mira dann trotz Krieg und Gefahr in ihre alte Heimatstadt reist, um ihre Großmutter zu besuchen und Freunde zu treffen, ist für mich absolut nachvollziehbar. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu ertragen, eine Erinnerung daran, wer man eigentlich ist.

Die Darstellung des Lebens im kriegsgeschüttelten Odesa rundet das Geschilderte ab. In der Ukraine merkt Mira, wie Lappalien, Normalität und Routinen Halt geben können. Keine mögliche Freude wird verschoben, ganz egal, was einem in den finsteren Zeiten Licht schenkt.
„…die verstanden, dass der heutige Tag das Leben ist.“ S.35
„Und entweder man kann mit dem Gedanken „scheiß drauf, scheiß einfach drauf“ leben und bleibt, oder man geht. Aber man kann nicht tagein, tagaus Angst haben“ S. 115
Die Geschichte wird sehr sensibel, tiefgründig, präzise beobachtet und mit großem psychologischem Verständnis erzählt. Die emotionalen Momente habe ich als sehr intensiv und persönlich empfunden.
Mich hat die Metapher des titelgebenden „Zugwindes“ überzeugt. Ein Bild einer verfolgenden, existenziellen, fast depressiven Krise, die einem wie die vielen anderen Bilder nicht so schnell loslässt. Den Ausbruch in den magischen Realismus (Kraft auf Kredit) empfand ich als einen erfrischenden Ausgleich.
Für mich passen die vielen verständnisvollen Darstellungen der Geflüchteten wie auch das Schicksal Miras selber zu dem Bild der geschichteten Realitäten:
„Die Realitäten waren so dicht übereinandergeschichtet, dass mir schwindelig wurde.“ S. 183

FAZIT
Iryna Fingerovas Roman ist mir mit jeder Seite mehr ans Herz gewachsen. Das Buch will langsam und mit Empathie gelesen werden. Es stecken so viele Emotionen, Wahrheiten, Poesie und Denkanstöße drin. Nichts davon möchte ich mir entgehen lassen. Ein Buch, das ich bestimmt ein zweites und drittes Mal lesen werde.
Vielleicht schenkt es auch dem einen oder anderen Verständnis, der sich wundert, warum Geflüchtete ihre Heimat im Krieg besuchen, oder warum Menschen in der Ukraine Skifahren und tanzen. Aber das nur am Rande.
Ein berührendes und auch sehr wichtiges Buch!
Ich bedanke mich beim Rowohlt Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Auf meine Meinung und Rezension des Buches hat dies keinen Einfluss.
Iryna Fingerova:
Zugwind
Übersetzt v. Jakob Walosczyk
Rowohlt Verlag, Februar 2026<
304 Seiten












