Monatsmotto

Wohlfühlabstand {Monatsmotto}

8. Mai 2020

Wenn mich jemand zwingt, Abstand zu wahren,
habe ich den Trost,
dass er ihn gleichfalls wahrt.

Jonathan Swift (1667 -1745)

„Ich seh dir in die Augen, Kleines!“

Mein erster Hund, ein Australian Shepherd, hatte ein braunes und ein blaues Auge.  Damals sah man diese Rasse noch selten und  diese Farbbesonderheit noch weniger. Kein Wunder, dass sie allgemein bei Passanten Interesse hervor rief. So trat so mancher Zweibeiner näher an das Hundchen, senkte mit starren Blick den Oberkörper, schaute tief in die Hundeaugen – und federte erschreckt zurück…

 

Jeder Hund hat eine Wohlfühldistanz, die natürlich unterschiedlich ist, je nachdem, ob der Hund den anderen Zweibeiner oder Vierbeiner kennt oder nicht. Und wenn diese Wohlfühldistanz von Fremden unterschritten wird, reagieren die Hunde unterschiedlich gestresst. Mein erster Hund wurde da eher unleidlich. Dafür lehrte er mich, wie Hunde sich höflich bemühen durch das Laufen eines Bogens, dem anderen Hund seinen Raum zu gewähren (wer das nicht macht, gilt in der Hundewelt als Rüpel…).

Meine Retriever sind da immer sehr dickfellig gewesen. Abstand war/ist nicht so wichtig. „Ich seh dir in die Augen, Kleines“ (im Casablanca-Original übrigens: „Here’s looking at you, kid“) wurde akzeptiert, so dass der Ausbildung zum Therapiehund (nach mehreren Tests) nichts mehr im Wege stand. Das nur am Rande.

Bei Schul- und Kindergartenbesuchen mit den ausgebildeten Hunden konnte man den Kindern immer problemlos zeigen, wie diese Individualdistanz funktioniert. Man muss demjenigen nur plötzlich sehr nahe treten und (als Erwachsener von oben) tief in die Augen schauen. Sehr gewöhnungsbedürftig und einprägsam…will man selber nämlich auch nicht…

 

 

Es gibt auf der Welt keine größere Distanz
als zwischen heute und morgen. 

unbekannt

Wohlfühlabstände

Denn auch wir Menschen besitzen einen „Wohlfühlabstand“. Bei Leuten, die wir nicht kennen, beträgt diese „gesellschaftliche Distanz“ ein bis zwei Meter. Beim Gespräch mit persönlichen Kontakten fühlen wir uns auch bei einem Meter Abstand nicht bedrängt. In unseren intimen Abstandbereich, der ca. 50 cm beträgt, lassen wir nur Familienmitglieder, Freunde oder vertraute Personen. Sonst reagieren wir eher ablehnend bis aggressiv.

Wenn sich also  z.B. Ärzt*innen, Bekleidungsverkäufer*innen o.ä. dieser sehr persönlichen Distanzzone nähern müssen, sollten sie dies mit dem jeweiligen Menschen vorher absprechen. Sonst fühlt sich der andere nicht wirklich wohl oder stark bedrängt.

Alle diese Abstandszonen sind natürlich individuell und auch kulturell unterschiedlich.  Im Süden Europas beispielsweise sind diese Distanzzonen allgemein viel schmäler. Ebenso haben sich diese Abstände auch im Laufe der Geschichte verändert, haben also auch einen stark gesellschaftlichen Einfluss. Ein spannendes Thema.

 

Im Grunde ist Entfernung kein Hindernis
(wie oft hingegen ist Nähe eines),
sich zu erreichen. 

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

 

#socialdistancing #physicaldistancing

Habt Ihr inzwischen schon darüber gegrübelt, ob Ihr eher zu den Menschen gehört, denen der Abstand zu anderen nicht so wichtig ist? Vielleicht begrüßt Ihr schneller Bekannte mit Bussis und Umarmungen und fühlt Euch auch in dicht gedrängter Runde pudelwohl (wobei der Pudel das eher nicht mögen würde).

Oder schätzt Ihr es gar nicht, wenn man Euch zu dicht auf die Pelle rückt? Also ich persönlich springe eher einen Satz zurück, wenn mir ein weniger gut Bekannter einen Fussel von Mantel zupfen möchte. Gut gemeint, aber…
Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte(n), seine eigene Biographie, seine eigene Biologie und somit seine persönliche Wohlfühldistanz. Ganz wertfrei sei sie ihm/ihr zugestanden. Da braucht es einfach ein bisschen Fingerspitzengefühl und wohlwollendes Beobachten, um diese herauszufinden.

In diesen Zeiten der Pandemie werden wir nun sinnvollerweise zum Einhalten eines Mindestabstandes angehalten. Wenn Jogger*innen und Radler*innen an mir vorbei sausen, habe ich das Gefühl, dass selbst 2 Meter zu gering sind (die Wissenschaft untersucht das gerade, meine Bedenken scheinen da nicht falsch zu liegen).
Für den einen ist dieses Abstandhalten offensichtlich eine Zumutung, für andere kein Problem und für jene, deren Wohlfühldistanz eh schon immer größer war, eine Labsal.

Ja, es ist schmerzvoll, wenn man derzeit selbst schon Kleinkinder die Regeln des „social distancing“ beibringen muss.
Vielleicht schauen wir gemeinsam mit ihnen, wie es die Hunde vormachen – Bogen laufen…  (Und dann beschnüffeln, wenn man sich sympathisch ist. Die dürfen das noch.)

 

 

Was ist Eure Wohlfühldistanz? Wie geht Ihr mit dem Abstandhalten um, was sind da Eure Erlebnisse?

Gemeinsam schaffen wir das!

Mein Motto im Monat Mai ist Abstand. Ich würde mich sehr über Beiträge aller Art freuen, denn das Thema Abstand kann man sehr unterschiedlich angehen. (Die Individualdistanz von Tieren wäre schon ein tolles Thema an sich…)

 

10 Kommentare

  • Antworten jahreszeitenbriefe 8. Mai 2020 at 6:59

    Sehr gut verschiedene Aspekte beleuchtet. Ich mach mir da auch so einige Gedanken und mein Unbehagen, das ich in großen sich bewegenden Menschenmengen von größerer Dichte empfinde, kommt mir gar nicht mehr so absonderlich vor. … Liebe Grüße Ghislana

  • Antworten Centi 8. Mai 2020 at 7:52

    Ich bin immer ein großer Abstandhalter! Nichts nervt mich mehr als Leute, die sich in die Straßenbahn drängeln müssen, bevor alle ausgestiegen sind (und ich rede hier nicht von den Bummelheinis, die zu cool sind, um rechtzeitig aufzustehen), oder Typen, die einem an der Supermarktkasse feucht-warm ins Genick atmen.
    Berührungen von Fremden mag ich auch nicht – Massage ist für mich keine Entspannung, sondern ganz einfach schrecklich unangenehm. Gleiches gilt für Friseure.
    Selbst Händeschütteln ist auch nicht mit jedem eine Freude – schweißnasse Flossen ohne spürbaren Gegendruck machen mir mindestens Gänsehaut.
    Von daher finde ich es echt sehr schön, dass jetzt gerade doch insgesamt ein bisschen mehr Distanz gewahrt und anderen zugestanden wird.
    LG
    Centi

  • Antworten Kunzfrau 8. Mai 2020 at 8:35

    Bei mir ist das etwas unterschiedlich. Bei richtig guten FReunen*innen gehör ich zur BussiFraktion. Ich mag da einfach die Umarmungen. Die geben mir ein Gefühl der Wohligkeit.
    Ansonsten habe ich es auch lieber, wenn man mir nicht zu sehr auf die Pelle rückt. So schätze ich i8m Moment die Abstandsregel doch sehr, so sie denn eingehalten wird.
    Im Job ist das auch etwas unterschiedlich. Wenn ich mir mit meinen Kollgen*innen etwas anschauen muss, kommen wir uns in normalen Zeiten doch schon recht nahe. Aber wenn fertig geschaut ist, dann halten wir jedoch zumindest den Intimabstand ein. Das sollte immer geboten sein. Gleiches gilt für meine Azubi’s.

    Gruß Marion

  • Antworten Andrea Karminrot 8. Mai 2020 at 9:31

    Über den Abstand, grübel ich auch gerade. Mir tut es nicht gut so viel „Entfernung“ halten zu müssen.
    Liebe Grüße
    Andrea

  • Antworten eva 8. Mai 2020 at 11:03

    Ich bin schon immer Abstandsfanatiker gewesen. Schon als Kind habe ich nicht eingesehen, jedem die Hand schütteln zu müssen. Aber Händeschütteln hat ja auch Tradition.
    Wer rechts die Hand gibt, greift nicht an. Das war auch schon im Mittelalter so, denn die die Scheide vom Schwert war links und man zog mit der rechten Hand das Schwert. Das ist genauso mit dem salutieren, die Ritter öffneten mit der Hand das Visier zum Gruß.
    Messen und dergeleichen sind mir auch nicht geheuer und in der S-Bahn fuhr ich in der 1. Klasse. Das war mir das Geld wert.

    Umarmen und abschlecken ist sowieso nicht mein Ding, da muß man schon sehr gut Freund sein, dass ich das mache.
    Man kann auch auf Distanz glücklich sein.
    Furchtbar fand ich immer, wenn sich Bauherren über meinen Schreibtisch gelehnt haben und die Grenze überschritten haben um den B-Plan im Bildschirm zu sehen, ich habe dann freudlich aber auch bestimmt darauf hingewiesen, dass ich den Bildschirm auf ihre Seite drehe.
    Den Mundschutz finde ich gar nicht mal sooo schlecht , hier kann man nicht riechen oder nur bedingt, wie die Leute aus dem Mund riechen. Manchmal ganz schlimm und zu Zeiten meiner beruflichen Tätigkeit manchmal fast nicht auszuhalten.

    Lieben Grüße Eva

    Liebe Grüße Eva

  • Antworten nina. aka wippsteerts 8. Mai 2020 at 15:59

    Oh, bei ersten Tests hat man festgestellt, dass Sportler die Luft so viel stärker ausatmen, dass eher 6 m rundrum Abstand besser wären. Immerhin ist dann ja noch die frische Luft, die oftmals auch in Bewegung ist, die den Atem sozusagen verweht.
    Aber wie das in Fitties gehen soll?
    Viel Abstand oder weniger hängt auch bei mir mit den Menschen zusammen. Ich bin eher ein Umarmer, kommt man mir aber zu nahe, fahre ich die Ellebogen aus.
    Liebe Grüsse
    Nina

  • Antworten Wolfgang Nießen 8. Mai 2020 at 18:00

    Ja, ich habe tatsächlich über meine Wohlfühldistanz nachgedacht, und kam zu dem Schluss, dass sie in erster Linie davon abhängt, ob ich mein Gegenüber sympatisch finde. Bei mir kommt aber auch noch eine sprachliche Distanz hinzu. Ich kann oft unheimlich schwer damit umgehen, wenn mir jemand, mit vielleicht gut gemeinten Worten, zu Nahe rückt, den ich nicht kenne.
    Die Chemie muss einfach stimme, um es mal so platt auszudrücken, etwas besseres fällt mir gerade nicht ein. Wenn die stimmt, habe ich mit Nähe auch bei vollkommen Fremden überhaupt kein Problem.
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

  • Antworten niwibo.blogspot.de 8. Mai 2020 at 19:43

    Das ist so unterschiedlich bei mir liebe Andrea,
    ich knuddel meine Jungs gerne ab, meine Lieblingsfreundin auch, der Rest kann aber gerne Abstand halten.
    Meine Eltern haben mich auch nie gedrängt, den Leuten die Hand zu geben, das durfte ich selbst entscheiden.
    ich bin da sehr frei erzogen worden.
    Und ich habe da mit meinen Kindern genauso gehalten.
    Das mit dem Joggen habe ich mir auch gedacht und der Familie Verboten, am Rhein zu spazieren, wenn dort alle mit dem Fahrrad und den Sportschuhen unterwegs sind. Sie halten sich sogar dran, grins.
    Dir nun einen schönen Abend, ganz liebe Grüße
    Nicole

  • Antworten Astridka 9. Mai 2020 at 0:10

    Ich denke, dass ist auch eine Generationenfrage. In der Nachkriegsgeneration war man eh kühl und körperlich abweisend ( nur meine Mutter kam da aus einem etwas anders geprägten Kulturkreis ). Ich hätte nie so mit meinen Freundinnen umgehen können wie meine Tochter mit ihren: Da wurde gegenseitig massiert, gekrault, geschminkt, gefärbt, in einem Bett gelegen. Ich weiß noch, dass ich das mal ganz toll fand, dass wir Cousins & Cousinen zusammen in einem Doppelbett schlafen durften.
    Erst im Umgang mit Menschen in romanischen Kulturen hat sich da meine (Abstands-) Haltung geändert. Schon meine empfindliche Nase verlangt aber bei vielen Menschen eine größere Distanz…
    Interessant deine Hundegeschichten! Die sind ja auch Nasen…
    Gute Nacht!
    Astrid

  • Antworten mano 9. Mai 2020 at 6:41

    als kind immer wurde ich doch des öfteren gezwungen, irgendwelchen mir fremden menschen „das händchen“ zu geben. so wundert es mich heute nicht, dass ich – abgesehen von engen freunden und mir sehr sympathischen menschen – eher die körperliche distanz schätze. wenn mir jemand zu nah auf die pelle rückt, geh ich in abwehrstellung. und ich finde, das ist auch gut so!
    liebe grüße
    mano

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