Bücher Monatsmotto

Meine beiden Lieblingsbücher im Oktober {Buchtipp & Monatsmotto}

23. Oktober 2019

(Unbezahlte und unaufgeforderte Werbung! Rein private Empfehlungen)

Eigentlich ist es ja wirklich witzig, dass meine absoluten Buchlieblinge im Oktober beide von Altphilolog(inn)en geschrieben wurden. Oder hört sich das trocken und langweilig an? Oh nein! Beide Romane sind sehr spannend, unterhaltend und äußerst modern.

Auch wenn man noch nie mit den alten griechischen Sagen tiefschürfender in Kontakt gekommen ist, sind einem doch manche Figuren daraus ein Begriff, sind sie doch Bestandteil unseres Kulturgutes. Sei es auch nur der Göttervater Zeus, die Irrfahrten des Odysseus oder der Götterbote Hermes, der gar einem Paketdienst Pate stand.

Ohne vorher das Lexikon der griechischen Götter bereit gelegt oder Homers Odyssee noch mal schnell durchgeblättert zu haben, sind diese beiden Bücher ein großer Genuss.

Madeline Miller: Ich bin Circe

Da ich schon länger neugierig auf die deutsche Übersetzung von Madeline Millers englischem Buch „Circe“ gewartet hatte, begann ich mit „Ich bin Circe“ in die griechische Sagenwelt abzutauchen. Eine gute Entscheidung.

Wie viele andere weibliche Gestalten der Sagen, wurde Circe oft eher negativ dargestellt: eine rangniedrige Göttin, zauberkundige Tochter des Sonnengottes Helios und einer Nymphe, verbannt auf eine einsame Insel namens Aiaia. Sie war es, die die Nymphe Scylla aus Eifersucht in ein Meeresungeheuer und die Schiffsbesatzung des Odysseus in Schweine verwandelt hat.

Bei Madeline Miller lernen wir eine ganz andere Circe kennen, denn hier kommt sie endlich selber zu Wort und erzählt ihre Geschichte aus ihrer persönlichen Sicht. Wir fühlen ihr Leid während ihrer recht unglücklichen Kindheit, ungeliebt von den Eltern, von den Geschwistern gequält und gemobbt. Der Kreis der Wohlgesonnenen ist klein.

Auch bei der Verbannung auf die abgelegene Insel folgt die Autorin der Sage meist getreu. Doch Circe ist dort nicht abgeschnitten vom Geschehen in der Götterwelt, denn es gibt reichlich Besuch, wie z.B. von Daedalus (genau, dem Vater des Ikarus). Dann muss sie ihrer Schwester Geburtshilfe bei der Niederkunft mit dem Stiermenschen Minotaurus leisten.

Schließlich verschlägt es auch noch Odysseus auf seiner Heimreise vom Trojanischen Krieg nach Ithaka an das Ufer  von Circes Insel.
Tatsächlich verzaubert Circe Seeleute, wie Odysseus‘  Mannschaft, in Schweine. Aber endlich erfahren wir durch sie selber den Grund. Als Frau, die alleine auf einer Insel lebt, ist sie  schon mehrfach Opfer von sexueller Gewalt geworden. Kein Wunder, dass sie nun neben einem Abwehrzauber auch zu bildhaften, drastischen Vorsichtsmaßnahmen greift.
Ihr seht schon, diese Sicht auf die griechische Götterwelt ist (endlich) eine moderne und weibliche.

Madeline Millers Roman hat mich nicht nur außerordentlich gut unterhalten, sondern auch leichtfüßig in die Sagenwelt (wieder) eingeführt. Außerdem fand ich ihren neuen differenzierten und kritischen Blick auf bekannte Sagengestalten sehr erfrischend

Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich

Wunderbar, dass ich sofort mit Daniel Mendelsohns vielschichtiger Betrachtung der Odyssee anschließen konnte. Er lässt gleich Aristoteles selber sprechen, der die Odyssee so herrlich kurz zusammenfasst.

 „Der Held Odysseus weilt viele Jahre in der Fremde, wird ständig von den Göttern überwacht und ist ganz allein. Bei ihm zu Hause steht es so, dass Nebenbuhler seine Frau bedrängen und seinen Besitz verzehren. Nach überstandener stürmischer Reise kehrt Odysseus zurück und gibt sich zu erkennen, vernichtet seine Feinde und ist gerettet.“

Dem Altphilologen Daniel Mendelsohn gelingt es großartig, die Odyssee mit seiner ganz persönlichen Vater-und-Sohn-Geschichte zu verknüpfen. Damit bringt er die Sage dem Leser auf einer neuen Ebene besonders anschaulich nahe.

Mendelsohn erzählt vom Erstsemester-Seminar, das er in einem College in New York über Homers Odyssee gehalten hat. Sein 81jähriger Vater, im früheren Berufsleben ein erfolgreicher Mathematiker, hatte beschlossen, an den wöchentlichen Seminarsitzungen seines Sohnes teilzunehmen.

Als Leser*innen schnuppern wir einerseits ins Seminar mit den jungen Studenten, und erleben, wie die Ansichten über das Epos, vor allem über die Figur des Odysseus, bei Vater und Sohn Mendelsohn durchaus unterschiedlich sind. So ist z.B. Odysseus ist in den Augen des Vaters ein Lügner und Verlierer. Er zieht in den Krieg und kehrt ohne einen einzigen seiner Männer heim. Zwar beteuert er wiederholt die Treue zu seiner Gattin Penelope, pflegt aber zu den Göttinnen auf seiner Reise (z.B. Circe) intime Beziehungen.

Im Hintergrund leuchtet die alte Vater-Sohn-Geschichte zwischen Odysseus und seinem Sohn Telemachos auf, während im Vordergrund der Autor sehr persönlich sein eigenes Vater-Sohn-Verhältnis aufarbeitet.

Mir gefällt, wie humorvoll und zugleich tiefsinnig, unterhaltsam und gehaltvoll hier erzählt wird.

 

Beide Bücher sind ein absoluter Lesegenuss. Ja, auch ein Augenschmaus, wie Ihr an den Fotos der Cover erkennt.

 

Madeline Miller:
Ich bin Circe

Übersetzerin Frauke Brodd

Eisele Verlag, August 2019
528 Seiten

Daniel Mendelsohn:
Eine Odyssee. Mein Vater ein Epos und ich 

Übersetzer: Matthias Fienbork

Siedler Verlag, März 2019

352 Seiten

 

verlinkt bei „Mein Buch des Monats“ / Oktober im Karminroten Lesezimmer

und natürlich bei meinem Monatsmotto „Bücherschätze“

5 Kommentare

  • Antworten Astridka 23. Oktober 2019 at 11:51

    Das wären ja unbedingt Bücher für mich, die sich in ihrer späteren Kindheit ja völlig in dieser Sagenwelt „bewegt“ hat. Aber mir fehlt einfach die Zeit zum Lesen anderer Bücher, weil ich die großartigen Frauen nicht lassen kann. Vielleicht lade ich mir sie auf meinen Reader für WLANfreie Zeiten wie zuletzt auf Norderney.
    Danke fürs Vorstellen!
    Herzlich
    Astrid

  • Antworten Ninakol. 23. Oktober 2019 at 14:15

    Den ersten Band habe ich auch gern gelesen. Mit dem zweiten hast Du mich neugierig gemacht. Schon als Kind habe ich die Sagen gelesen und schon damals fand ich diese Sache mit der Treue oder gewisse Verhaltensweisen (diese durch die Äxte schießen, Erkenntnis bei den buhlenden Männern und dann werden alle wieder getötet Sache ZB) anfangen. Aber trotzdem faszinierend. Bis heute.
    Liebe Grüße
    Nina

  • Antworten mano 24. Oktober 2019 at 7:38

    über die zusammenfassung von odysseus musste ich wirklich lachen – herrlich!! das erste buch interessiert mich allerdings mehr. ich war in meiner jugend auch mal sehr fasziniert von alten griechen, römern und co. – aber die waren meist männlich besetzt (wenn ich mal von antigone absehe, die mich als schullektüre sehr beeindruckt hat) und so finde ich es spannend, einmal aus weiblicher sicht diese geschichte zu erfahren.
    den titel hab ich mir notiert – meine leseliste ist inzwischen endlos lang, aber irgendwann, so nach und nach werde ich sie „abarbeiten“!
    liebe grüße
    mano

  • Antworten kleiner-staudengarten 25. Oktober 2019 at 15:45

    Liebe Andrea,
    das erste Buch hört sich interessant an und könnte mir als Leselektüre gefallen…steht nun auf meiner Liste. 🙂
    Ich wünsche dir ein feines Wochenende, Marita

  • Antworten Ein Garten in der Steiermark 26. Oktober 2019 at 8:35

    Danke für die Buchempfehlungen. Ich habe mir eben beide bestellt so begeistert war ich von Deiner Rezession. Dein Monatsmotto finde ich klasse – vielleicht könnte man es auf Deinem Blog belassen… Ich lese hier gern nach und auf Deine zwei Vorschläge frei ich mich richtig…

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