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Pierre Lemaitre: „Die Farben des Feuers“ {Bücher}

4. März 2019

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexamplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum dem Buch behalte ich mir vor.)

Neben dem Buch von Hélène Gestern habe ich im Februar noch einen zweiten Roman aus Frankreich gelesen. Zeitlich schließt er sich dem ersten an und findet seinen Schauplatz in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Hier muss sich eine Frau in der von Männern beherrschten Finanz- und Geschäftswelt ihren Weg bahnen…

P. Lemaitre: „Die Farben des Feuers“  (Couleurs de l’incendie)

Der Roman beginnt in tristen Schwarz- und Grautönen. Auf der pompösen Begräbnisfeier des reichen und mächtigen Bankiers Marcel Péricourt wird alles was Rang und Namen im Paris des Jahres 1927 hat, erwartet. Selbst der Staatspräsident will dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen. Da stürzt plötzlich der Enkel des Bankiers, der kleine Paul, aus dem Fenster des zweiten Stocks und wird den Rest seines Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein.

Seine Mutter Madeleine, Tochter und Haupterbin von Marcel Péricourt befindet sich zunächst in einem Schockzustand und ordnet dann alles der Pflege ihres Sohnes Paul unter. Die Erbschaftsangelegenheiten und die Bankgeschäfte legt sie vertrauensvoll und gutgläubig in die Hände des langjährigen Prokuristen Gustave, der sich schon lange und vergeblich Hoffnungen auf eine Ehe mit der geschiedenen Erbin gemacht hatte.
Madeleine hat keine Wahrnehmung dafür, was in den Menschen vor sich geht, die sie umgeben, denen sie Vertrauen schenkt, sei es die Hausdame oder der Hauslehrer. Sie spürt nicht, wie sich das Netz aus Neid, Geltungssucht und Habgier enger um sie schließt, wie sie manipuliert und ausgebeutet wird.

So fühlen sich ihr Onkel, der Politiker Charles und der Prokurist Gustave Joubert um einen in ihren Augen angemesseneren Anteil am Erbe betrogen. Die Unerfahrenheit und Gutgläubigkeit Madeleines bestätigt ihre Vorurteile und bestärkt sie in ihren hinterhältigen Plänen.
In dieser Zeit der Wirtschaftsdepression und des aufsteigenden Faschismus gelingt es Charles Péricourt und Gustave Joubert rasch, Madeleine auf übelste Art und Weise um ihr gesamtes Erbe zu bringen.

Madeleine begriff die ganze Dimension der Manipulation, der sie zum Opfer gefallen war.
Sie hatte das Bedürfnis, ihn umzubringen, ihn wie eine Schlange zu zermalmen.
„Man sieht sich immer zweimal im Leben, Gustave. […]“

Madeleine, die nun nicht nur ihre eigene Existenz, sondern auch die Zukunft ihres Sohnes ruiniert sieht, sinnt auf Rache und sucht sich einen Verbündeten, um diese Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht nur jene, die sie um ihr Erbe betrogen haben, sondern auch der Schuldige am Leid ihres Sohnes sollen dafür büßen. So ahnungslos sie ins Verderben taumelte, so bösartig und ausgetüftelt sind ihre Rachespielzüge.

Der große Teil des Romans ist die Geschichte einer Vergeltung und Abrechnung in den Zeiten des Umbruchs, am Beginn der dunklen 30iger Jahre.

Fazit

Pierre Lemaitre gelingt es sehr gekonnt die Stimmung jener Zeit aufzubauen. Er führt die wichtigsten Protagonisten gleich zu Beginn der Geschichte so geschickt ein, dass man sich ein präzises Bild von ihrem Charakter machen kann. Die Figuren sind authentisch, sehr gut ausgearbeitet und zeigen eine spannende Entwicklung im Laufe des Romans.

So wird aus der ahnungslosen Madeleine eine strategisch und kaltblütig vorgehende Frau, getrieben von Rache und der Sorge um ihren Sohn. Allerdings ist sie dabei auf ihren männlichen Helfer angewiesen.

Die Wut und Rachegelüste Madeleines konnte ich anfangs aufgrund der Hinterlist ihrer Widersacher noch nachvollziehen, auch wenn es mir nicht gelang, mich in sie hineinzuversetzen. Doch im Laufe ihres moralisch immer zweifelhafter werdenden Rachefeldzuges wuchs meine Distanz zusehends. Sollte dies das Abbild jener Zeit sein, die an Grausamkeit und Brutalität gewann?

Insgesamt hatte ich Mühe, eine Figur zu finden, die mir sympathisch war. Meine Sympathie konnte ich eigentlich nur Pauls polnischen Kindermädchen Vladi schenken. Sie verweigerte sich der französischen Sprache, kommunizierte stets Polnisch, verbreitete Wärme, Herzlichkeit und liebevolle Tatkräftigkeit. Das, was mir eigentlich am ganzen Roman so sehr fehlte.

Ein handwerklich gut gemachter Roman, der Unterhaltung bietet.

Pierre Lemaitre:
Die Farben des Feuers
(Übersetzer: Tobias Scheffel)
Verlag Klett Cotta Februar 2019
479 Seiten

  • eva 4. März 2019 at 7:27

    Liebe Andrea,
    eine schöne Rezension und ja, ich denke mal, dass man hier gut auch lesen kann, wie man in so einen Rachefeldzug – ich sage jetzt mal – hineinschlittern kann. Manchmal merkt man das gar nicht.

    Und es stimmt schon, die polnischen Frauen sind so herzlich und haben soviel Familiengefühle und ich kann das durchaus nachvollziehen. Die polnische Sprache ähnelt sehr dem französichen und Chopin war ja ein großer Pole, wenngleich die Franzosen das nicht so gerne haben. :-)))
    Auch gestern haben wir bei unserer Radtour kennengelernt, ich merke das sofort am Akzent und begrüße sie dann auf polnisch und ein wenig kann ich diese Sprache schon, nicht viel aber es reicht zum unterhalten.
    Liebenswerte Menschen sind die Polen und ich habe bei meinen Besuchen in Polen sie kennengelernt.
    Wieder einmal eine schöne Rezension.
    Vielleicht sollte ich beim Radeln auch mal lesen. :-))))))
    Eine gute Woche wünscht Eva,
    ich habs jetztmit der Verllinkung geschafft, nach 10001 Versuchen.

  • ninakol. 4. März 2019 at 11:33

    Am Anfang war ich noch sehr gespannt, ein wenig ging mir das verloren, als Du von dem Rachefeldzug anfingst und ich brauche auch immer im Roman eine Identifikationsperson. Neugiereig bin ich aber doch geworden.
    Die Zeit wird von uns ja immer als so frei und stürmisch gezeigt. Wir sehen Frauen in erstmals kurzen Röcken und mit kurzen Haaren. Es gab erste Frauen an den Unis. Aber frei? Eine Männerwelt, immer noch! Vielleicht muss man aus dieser Perspektive den Rachefeldzug sehen.
    Liebe Grüsse
    Nina