Monatsmotto

Lieblingsmärchen der Kindheit {Monatsmotto}

7. Februar 2019

If I’m honest I have to tell you I still read fairy-tales and I like them best of all.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich Dir berichten, dass ich immer noch Märchen lese und ich mag sie von allem am liebsten.

Audrey Hepburn (1929-1993)

 

Ja, mir geht es so wie Audrey Hepburn. Ich hab sie durchgezählt, unsere Märchen- und Sagenbücher, von denen jeder von uns beiden ein paar aus Kindheit und Studium mit in die Ehe brachte. Während unsere  Kinder aufwuchsen, sind noch einige dazugekommen. Ich wollte es schier nicht glauben und hab nochmal von vorne begonnen und eine Strichliste geführt: 119 sind es tatsächlich. Märchen und Sagen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Epochen, von verschiedensten Sammlern und Märchendichtern.

Dabei hat es bei mir doch nur mit einer einzigen Märchensammlung in meiner Kinderzeit begonnen, die immernoch, mittlerweile sehr zerlesen (wie man oben im Bild sieht), im Regal steht. Nicht wahr, für die meisten von uns waren Märchen die ersten literarischen Erfahrungen. Oft haben sie sich tiefer eingeprägt, als wir selber ahnen.

Mein Lieblingsmärchen der Kindheit

ist seit ich es als kleines Mädchen aus besagtem Märchenbuch vorgelesen bekam: „Zwerg Nase“ gewesen. Geschrieben wurde es vom schwäbischen Dichter Wilhelm Hauff (1802-1827), der infiziert von Typhus viel zu früh gestorben ist.

Das Märchen erzählt vom fleißigen wohlgestalteten 12jährigen Schustersohn Jakob, der seiner Mutter beim Verkauf  von Gemüse auf dem Markt zur Hand geht. Eines Tages kommt eine ärmlich gekleidete, sehr alte runzelige Frau an den Stand der Mutter, verdirbt die Ware, indem sie ihre lange Nase in das Gemüse steckt, alles bemängelt und durcheinander wirft. Was niemand weiß, es handelt sich um die Fee Kräuterweis.  Der sonst so höfliche Jakob wird wütend und lässt sich über ihr Verhalten und ihr Aussehen aus. Als die Alte doch ein paar Kohlköpfe kauft, muss er ihr diese, nicht freundlich wie bei anderen Kunden, sondern widerwillig, nach Hause tragen.

Das Haus der alten Frau ist prachtvoll und überaus merkwürdig ausgestattet. Bekleidete Meerschweinchen und Eichhörnchen arbeiten als Diener. Die Alte bietet dem sich sträubenden Jakob eine Suppe an, die ihm aber sehr mundet.

„Muss dir nun auch etwas geben zum Lohn, weil du so artig bist“, murmelte die Alte. „Gedulde dich nur ein Weilchen, will dir ein Süppchen einbrocken, an das du dein Leben lang denken wirst.“

Nach dem Mahl glaubt er einzuschlafen und zu träumen, er wäre ein Eichhörnchen und würde im Haus für sieben Jahre in Dienst treten. Unter anderem erlernt er auch die Kochkunst. Als er dabei an einem speziellen Kraut riecht, muss er niesen, erwacht aus dem vermeintlichen Traum und verlässt das verzauberte Haus.

Unterwegs im Städtchen, wie auch bei seinen Eltern, die ihn nicht mehr wiedererkennen, wird er als hässlicher Zwerg verspottet. Im Spiegel eines Barbiers erkennt er seine überlange Nase und seine übrige Verunstaltung. Jakob begreift, dass er von der bösen Fee Kräuterweis, die nur alle 50 Jahre in die Stadt kommt, entführt und sieben Jahre festgehalten wurde.

Er nimmt sein Schicksal selbst in die Hand, nutzt aus, dass er die Kochkunst aufs Feinste erlernt hat und verdingt sich als Koch beim Herrscher des Landes, der als Feinschmecker gilt.  Aufgrund seiner Fähigkeiten steigt er rasch in der Hierarchie der Köche auf. Eines Tages kauft er auf dem Markt drei Gänse, von denen eine sprechen kann.

Stichst du mich, / so beiß‘ ich dich.
Drückst du mir die Kehle ab, / bring ich dich ins kühle Grab.

Mit sprechenden Tieren hat er ja so seine Erfahrungen gemacht. Es stellt sich heraus, dass die Gans eigentlich Mimi, die Tochter eines Zauberers ist, die wie Jakob von der Fee verzaubert wurde. Sie löst das Rätsel des Niesens auf: Jakob müsse das Kraut finden, dass ihn zum Niesen gebracht hat, um seine Verzauberung zu lösen.

Gerade da muss er für seinen Dienstherrn ,der sich im Wettstreit mit seinem Gast, einem fürstlichen Gourmet  befindet, die Pastete Souzeraine bereiten. Doch Jakob, dem Zwerg Nase, ist dieser Höhepunkt der Kochkunst nicht geläufig. Glücklicherweise kann ihm die „Gans“ Mimi helfen. Nur fehlt am Ende das wichtige „Kräutlein Niesmitlust“, was ihn in fürstliche Ungnade fallen lässt. Um sein Leben zu retten hat er nur einen Tag Zeit, dieses Kraut zu finden. Mit Hilfe von Mimi gelingt es ihm, es zu finden. Es ist letztendlich das Kraut, das ihn vom Zauber erlöst. So flieht er mit Mimi zu deren Vater, der seine Tochter aus der Verzauberung befreit. Jakob kehrt zu den Eltern zurück, die ihn endlich wieder erkennen und heiratet seine Mimi. Nur sein früherer fürstlicher Arbeitgeber gerät durch die fehlende Pastete mit seinem Gast in Streit, was zum Kräuterkrieg zwischen beiden Ländern führt. Doch durch den Pastetenfrieden kommt es zu einem friedlichen Ende.

Meine Märchenhelden von damals

Als Kind litt ich mit Jakob, der zu Zwerg Nase wurde. Dabei bewunderte ich,  wie er sich trotz der entstellenden Verzauberung nicht entmutigen lässt, sondern sein Schicksal in die Hand nimmt. Allen Widerwärtigkeiten zum Trotz gelingt es ihm, die erlernten Fähigkeiten auszunutzen. Dass ihm am Ende ein Mädchen den entscheidenden Tipp gibt, empfand ich als grandios.
Das „Kräutlein Niesmitlust“ ist auch heute noch in unserer Familie eine öfters verwendete Anspielung. Klar, die Fee Kräuterweis  hat einen miesen, hinterhältigen Charakter und hat mit fiesen Tricks gearbeitet – wie im richtigen Leben, fand ich.
Meine Helden waren aber Zwerg Nase und die clevere Mimi, die keine Prinzessin, sondern eine Zauberertocher war.
Von den feinen politischen Anspielungen, die Hauff in das Märchen eingewoben hat, erfuhr ich erst als Erwachsene. Wieder bekam das Märchen eine neue Facette.

Nach all den vielen Märchen, die ich seitdem gelesen habe, mag ich dieses immer noch sehr gerne. In meiner Kindheit wurde dieses Märchen dicht gefolgt von Andersens „Hässlichem Entlein“, das ich heiß geliebt hatte (ich höre schon, wie sich die Hobbypsychologen gerade die Hände reiben…)

Warum ich „Jorinde und Joringel“ nicht mochte

Gibt es Märchen, die Ihr nicht gut leiden könnt? Als ich begann meinen eigenen Kindern Märchen vorzulesen, merkte ich, dass ich immer einen Bogen um das Märchen „Jorinde und Joringel“ machte, ja, es eigentlich gar nicht wirklich gut kannte, obwohl ich doch sonst Zaubermärchen mochte. Irgendwann holte ich neben all den vielen Märchenbüchern das alte Buch meiner Kinderzeit heraus und begann darin zu blättern.
Endlich hatte ich des Rätsels Lösung gefunden. Es gab nur wenige Bilder in diesem Buch, aber jenes, was dieses Märchen illustrieren sollte, hatte mich als Kind so geängstigt, dass ich es nicht mehr hören oder später lesen wollte, damit ich diese Seite nicht mehr aufgeschlagen werden musste. Den Grund hatte ich längst vergessen und verdrängt.
Letztendlich sind wohl die eigenen, inneren Bilder die wichtigen, die in den Büchern können gelegentlich sehr hinderlich sein.

Und Eure Lieblingsmärchen?

Jetzt bin ich neugierig und würde gern von Euch wissen, welches Märchen den tiefsten Eindruck bei Euch hinterlassen hat und warum. Dabei ist es ganz egal, ob es sich um ein Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm handelt,  ein Kunstmärchen aus der Feder von Hans Christian Andersen, Wilhelm Hauff  o.a. oder ein internationales Märchen.

Welches ist das Lieblingsmärchen Eurer Kindheit? Welches Märchen liebt Ihr heute?
Erzählt doch im Kommentar davon oder in einem eigenen Blogbeitrag, den Ihr dann in meinem Monatsmotto Märchenhaft verlinken könnt. Ich bin schon sehr gespannt.

 

 

  • frau nahtlust 7. Februar 2019 at 10:37

    Wow – mit 119 Sammlungen bist du wirklich sehr gut ausgestattet! Wahnsinn! Zwerg Nase ist mir gar nicht so bekannt, ich moche gerne Aschenputtel. Das fand ich sehr schön – auch ohne die Verfilmung aus der Tschechei. Wobei ich die Taubenrufe immer beängstigend fand und es schon damals nicht verstehen konnte, wie man sich die Füße für SChuhe verstümmeln sollte! Auch hier hätten Psychologen ihre Freude, denn auch heute zählt bei mir, dass Schuhe vor allem eins sein müssen: bequem. Lach! LG. Susanne

  • eva 7. Februar 2019 at 11:25

    Naja, ich kenne Zwerg Nase sehr gut, ist ja auch vom Schwaben Wilhelm Hauff, der zur Schwäbischen Dichterschule gehört und von dem ich gestern ja geschrieben hatte.

    Jorinde und Joringel habe ich gelesen und auch gehört, aber so recht konnte ich damit auch nichts anfangen. Ich war eben fixiert auch Rotkäppchen und durfte an Fasching auch immer als solches gehen. Mit einer Saftflasche und einem Gugelhupf im Körbchen.

    Ich bin heute noch entsetzt über Hänsel und Gretel, dass Eltern ihre Kinder im Wald aussetzen und sie der Hexe überlassen und nachher auch wieder in ihre Arme aufnehmen.

    Ja, ja die Plüschologen, aber es sind halt Märchen. Aber ich bringe auch noch ein paar nette Sachen, bei denen sich die Plüschologen die Haar raufen.

    Ein tolles Thema liebe Andrea, da bin ich auf weiteres gespannt.
    Nächsten Mittwoch oder auch früher kommt ein weiteres von mir.

    Lieben Gruß Eva

  • ninakol. 7. Februar 2019 at 13:52

    Oh ja, Märchen, wie oft ich das alte Märchenbuch meiner Mutter ab der ersten Klasse weiss ich gar nicht mehr, ich liebte auch die reichliche Bebilderung. Welches mein Lieblingsmärchen ist? Ich kann es nicht sagen, denn es gibt einfach so so viele wunderschöne, sowohl Haus – als auch Kunstmärchen, dass ich mich nicht entscheiden kann. Schneeweißchen und Rosenrot mochte ich sehr, aber auch ganz gegensätzlich Das kalte Herz. Und das ich Sterntaler mag, hat man ja schon bei mir gesehen.
    Div. Märchenbücher stehen hier auch im Regal und manchmal kann ich an besonders schönen Ausgaben nicht vorbei gehen. Oder ich finde im Sozialkaufhaus (die immer so viele wunderbare Bücher haben) noch eine schöne Ausgabe, manchmal auch die schönen Diederichs Märchen der Welt.
    Seufz
    ich bin auf ganz viele schöne Sachen gespannt und versuche selber einen Beitrag zu schreiben.
    Liebe Grüsse
    Nina

  • Ivonne 7. Februar 2019 at 16:56

    119??? Das ist ja der Wahnsinn. An Zwerg Nase kann ich mich gar nicht mehr gut erinnern. Von Hauff gefiel mir „Das Wirtshaus im Spessart“
    Mein liebstes Märchen aber ist „Peter und der Wolf“ diese vertonte Version ist einfach wunderbar.
    Ich hab jetzt auch meinen ersten Beitrag verfasst… aber es kommt bestimmt noch einer 🙂

  • Karin Be 8. Februar 2019 at 0:04

    Ich mochte Jorinde und Joringel auch nicht, und ein paar andere ebenso wenig.
    Meine Idee für dieses Monatsmotto an einem Wochenende das Hauff-Museum zu besuchen und vorzustellen ist leider nicht möglich. Es öffnet erst wieder im April.
    Viele Grüße,
    Karin

  • Astridka 8. Februar 2019 at 0:47

    Über meine Lieblingsmärchen der Kindheit lasse ich mich nicht aus, das wäre mir zu intim, denn ich glaube, das würde tiefenpsychologisch zu viel über mich aussagen. Ich mag „Hänsel & Gretel“ als Oper sehr gerne, öfter gesehen und mit einer Klasse und einer Profi-Sängerin auch toll erarbeitet. Märchen waren auch immer Themen für Seidenmalereien mit meiner damals noch kleinen Tochter und solche für Martinslaternen, auch mit meinen Klassen – Inspiration genug also.
    Die Zahl meiner Märchenbücher könnte ich auch mal ermitteln. So viele wie bei dir werdens wohl nicht werden, liebe Andrea.
    Gute Nacht!

  • Ein Garten in der Steiermark 8. Februar 2019 at 4:07

    Märchen liebe ich auch sehr. Als Kind verschlang ich viele Märchenbücher. Der gestiefelte Kater, Rapunzel und Der Froschkönig mochte ich sehr. Meine Oma erzählte mir viele steirische Märchen wie das Märchen von der Truth und ich gruselte mich sehr. Toll fand ich auch Märchenmond, ein Buch, das ich heute noch gern lese…

  • Claudia 8. Februar 2019 at 5:43

    Auch ih liebe Märchen sehr, und lese heute noch in meinen alten Märchenbüchern aus der Kindheit! Es gitb viele die ich sehr mag, und einige, die ich weniger mag, aber ide möchte ich jetzt nicht hier auflisten ;O)
    Ich wünsche Dir einen schönen Tag und einen guten Start in ein wundervolles,gemütliches Wochenende!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

  • mano 9. Februar 2019 at 8:06

    ich bin eine große liebhaberin der hauffschen märchen und weiß nicht, wie oft ich sie schon in meiner kindheit /jugend gelesen habe. zwerg nase gehört auch auf jeden fall auch dazu, aber am allerliebsten mochte ich „das kalte herz“. seitdem ich es das erstemal gelesen hatte, halte ich mich für einen glückspilz, weil ich doch auch ein sonntagskind bin ;))! auch den „kleinen muck“ habe ich sehr geliebt. das „gespensterschiff “ hingegen mochte ich überhaupt nicht – ein schiff voller toten war mir dann doch viel zu gruselig. jetzt habe ich mir vorgenommen, mal wieder im hauffschen märchenbuch einiges zu lesen.
    mal sehen, ob ich noch einen märchenhaften beitrag zustande bringe. zwei habe ich zumindest schon mal im kopf.
    liebe grüße
    mano

  • Nicole/Frau Frieda 10. Februar 2019 at 14:25

    Das Lieblingsmärchen meiner Kindheit war „Allerleirauh“, liebe Andrea. Schon alleine dem wunderbaren Namen wegen. Damals habe ich mir über einen Königsvater, der seine eigene Tochter begehrte und heiraten wollte, keine Gedanken gemacht. Erst vor kurzem habe ich einen Aufsatz über dieses Märchen gelesen. Du ahnst es sicher schon… An zweiter Stelle stand „Brüderchen und Schwesterchen“. Einen kleinen Rehbruder zu haben hätte mich unendlich glücklich gemacht. Herzlichst, Nicole

    • eva 20. Februar 2019 at 18:13

      Da gehts mir wie Dir, ich fand Allerleirauh auch einen zauberhaft schönen Namen. Lieben Grüß, Eva

  • Friederike 18. Februar 2019 at 19:32

    Ich habe so lange keine „richtigen“ Märchen mehr gelesen, dass ich mich an Zwerg Nase nicht wirklich erinnern konnte, daher danke fürs Nacherzählen. Überhaupt ist dieses Monatsmotto für mich wirklich märchenhaft und bringt mich zum Nachlesen.

    Abseits der „richtigen“ Märchen habe ich sehr gern Harry Potter und Herr der Ringe angeschaut und dann nachgelesen, jeweils gemeinsam mit meinem damals noch halbwüchsigen Sohn. Wir konnten stundenlang über die Personen, Inhalte und wie es weitergehen könnte, diskutieren. Ich lese auch nicht ungern zwischendurch eine Fantasygeschichte, was ja auch „neue“ Märchen sind.
    lg

  • Kirsi 19. Februar 2019 at 11:18

    Liebe Andrea,
    das ist wirklich eine stolze Sammlung, nein nicht annähernd habe ich so viele und ganz ehrlich, meist habe ich aus meinem alten Buch (welches ich auch bei Dir verlinkt habe) vorgelesen. Psychologen hin oder her (meine Schwiegermutter wollte mir das auch mal näher bringen), ganz ehrlich es interessiert mich einfach nicht (bin ich eine Banausin deswegen?).
    Pragmatisch habe ich mir (wenn ich nicht so schnell einschlafen wollte) lange Märchen (z. Bsp. Die wilden Schwäne oder so) gewünscht 😉
    Auf jeden Fall ist es ein wunderschönes Thema welches Du ausgesucht hast, ich wünsche Dir noch einen schönen Dienstag und sende liebe Grüße
    Kirsi

  • eva 20. Februar 2019 at 18:09

    Ich bin aus- und eindrücklich Brüder Grimm geprägt. Die zwei alten Bände Hausmärchen meiner Oma mit den Zeichnungen von Otto Ubbelohde haben mich immer sehr berührt, seine Bilderwelt meinen Blick geprägt. Am liebsten mochte ich das Märchen vom Gevatter Tod (nicht wegen der Geschichte, sondern wegen Ubbelohdes Zeichnung dazu), den Machandelboom auf plattdeutsch, den ich mir mühselig laut vorlesend übersetzt hab (grausam, wie der Sohn gegessen wird vom unwissenden Vater) und die sieben Schwäne.
    Hauff hab ich gelesen, Andersen und Musäus, Volksmärchen anderer Völker, aber zu Ubbelohdes Zeichnungen bin ich immer wieder zurückgekehrt. Sie sind für mich kongenial illustrierend und haben mir schon als Kind Teile der Märchen wirklich dazuerzählt. Jahrzehnte später auf der Suche nach einem Hexenmärchen (die böse Frau Trude) stellte ich fest, dass Wort und Bild und eigene kindliche Vorstellungskraft etwas in meiner Erinnerung gewoben hatten, das größer und stärker war als das recht kurz zu lesende Märchen selbst.
    Eindrücklich und unendlich schmerzhaft waren mir als Kind zwei Märchen, die sich mit dem Tod des Kindes befassten: Im einen ist ein ungezogenens Kind gestorben, das sein Händchen zum Grab rausschauen lässt und für diesen Ungehorsam noch im Tod geschlagen wird – das fand ich unendlich ungerecht und furchtbar. Im anderen ist die Mutter nach dem Tod ihres Kindes untröstlich und weint Nacht für Nacht , bis ihr das Kind nachts erscheint und sagt, sie solle nicht mehr so weinen, weil es nicht mit diesem (tränen)nassen Hemdchen schlafen könne – das hat mich als Kind schon zum Weinen gebracht. Der untröstlichen Mutter mit diesem Bild zu helfen, aus der tiefsten verzweifelten Trauer herauszufinden.

    Wie in all den Märchen steckt darin so vieles, sie sind immer mehr als doppelbödig, teilweise drei- bis vierebenig, wahrscheinlich ist es das, was Märchen so wichtig macht und so universal durch alle Völker und Kulturen. Es ist kollektive Erinnerung darin, Emotion, Schläue, Witz, Neid, das Ausgeliefertsein, Coming of Age, Entwicklung, Festhalten, Zupacken und Loslassen, Fehler machen, Sterben. Alles.

  • eva 20. Februar 2019 at 18:11

    Danke für das Thema, wollte ich eigentlich noch schreiben, haha. Und liebe Grüße! Eva