Hunde

Ade Wolli ***

22. September 2022

Du bist tapferer als du glaubst,
stärker als es scheint
und klüger als du denkst.

A.A. Milne ( in Winnie Puuh)

Scarlett (Roughyeds Phoebe – 14.12.2008 – 15.09.2022)

Einen Curly Coated Retriever zu haben, war lange mein Traum. Die Würfe in Deutschland waren damals selten. Mit viel Glück und Hilfe einer guten Bekannten und Curlyfachfrau aus Holland konnte ich einen Welpen ergattern. In England. Nicht gerade der kürzeste Weg, aber was tut man nicht alles für einen Traum.

Erinnerungen, die eingebrannt sind ins Gedächtnis: der Hinflug über ein verschneites England, Fish und Chips auf dem Sofa bei den lieben Züchtern, deren herzallerliebsten Hunde, die Händel auf dem Flughafen, als ich den (grenzwertig großen und schweren) Welpen wie gebucht in der Transportbox in den Passagierraum bringen wollte und es auch geschafft habe, die Landung im Gewitter mit friedlich schlafendem Welpen.
Es sind lauter solche Erinnerungsfetzen, die mich gerade einholen.

Flopsy, Mopsy and Cotton-tail, who were good little bunnies, went down the lane to gather blackberries.

Beatrix Potter (Peter Rabbit)

Damals kamst zu unseren anderen beiden erwachsenen Hunden und so tauchten immer wieder neue Spitznamen auf wie Flopsy (Leilah, der Aussie), Mopsy (Ashley, der Flatcoat) und eben Cotton-tail = Wollschwanz, kurz “Wolli” (Scarlett, der lockige Retriever)

Scarlett, du hattest schon immer deinen eigenen Kopf. Du wusstest schon als Welpe, mit wem du spielen wolltest und mit wem nicht. Gerade um deinen ersten Geburtstag herum, kam eine Welle der Enttäuschung. Hatte ich jemals den Traum, selber zu züchten, dann hast du ihn mit Wucht zerstört. Das Röntgen ergab zu schlechte Hüften, ein Zahnfehler verhinderte das Ausstellen, während dein Bruder auf allen Ausstellungen brillierte.
Danke, liebe Scarlett! Manche Träume bleiben Seifenblasen, und das ist vermutlich auch besser so. Wunderschön warst du auch ohne Preise. Am Ende bist du, mit den miestesten Hüften, von all deinen pumperlfitten Geschwistern am ältesten geworden.

Scarlett, du warst eine tolle Spezialistin. Clickertraining? Lass es stecken, interessiert mich nicht. Aber Mantrailing ist genau nach meinem Geschmack. Das war deine Haltung. Egal, wer am Ende der Leine hing, notfalls wurde er/sie quer zur Versteckperson gezogen. Deine Geruchssinn war untrüglich, deine Technik perfekt, der Suchwille unverdrossen. Denn dort wartete deine Belohnung: Futter – und noch viel wichtiger – dein Quietscheei.
Du warst immer eine perfekte Vertreterin der ältesten Retrieverrasse: souverän, selbstsicher, mutig, wasserliebend und – tja, mit einer absoluten Nase für Wild ausgestattet. Du wärst wie deine Geschwister der perfekte Hund für eine/n Jäger\ in gewesen.
Was haben wir für Trainer*innen verschlissen. Der Rückpfiff und -ruf funktionierten super – solange dein Gehirn eingeschaltet war. Doch hat dich der Wildgeruch gepackt, war es kurzzeitig ausgeschaltet. Der weltbeste Nasenhund, seufz. Dabei warst du spätestens nach zwei (schier endlosen) Minuten wieder an meiner Seite.

Scarlett, was hatte man uns alles vorausgesagt, wie Curlies ticken, was sie alles im Haus zerlegen, was für Ausbruchsversuche sie unternehmen etc. Nichts davon traf bei dir zu, denn du hast dich nie zerstörungswütig oder ungebärdig im Haus gezeigt. Wie brav und gelassen hast du die Therapiehundeausbildung gemeistert und bist in Schulen und Kindergärten unterwegs gewesen. Am Ende habe ich dich frühzeitig dort pensionieren lassen. Manches zu unberechenbare ablehnende Verhalten hat dich verunsichert. Du solltest der kinderliebe Hund bleiben, der du bis zum Lebensende geblieben bist. Die Enkel*innen kuschelten mit dir im Korb, zupften sanft am Öhrchen, senkten die Händchen in die unwiderstehlichen Locken.

Scarlett, du hattest so einen wunderbaren Sinn für Humor. Trainer*innen, die den nicht verstanden, haben wir gleich abgehakt. Nie werde ich vergessen, wie du beim Longiertraining die Stangen nicht übersprungen, sondern apportiert hast. Als Höhepunkt der Verweigerung hast du bei derselben Trainerin einen Dummy genommen und mit voller Absicht in den kleinen Pool geworfen, um ihn dann als Wasserapport rauszuholen. Ja, wir sind beide aus dem Kurs rausgeflogen, weil ich mit Lachtränen in den Augen daneben stand. Wer keinen Humor hat, sollte es nicht mit einem Curly versuchen.

Scarlett, was mache ich mit deinem gepunkteten blauen Elefanten, den du schon als Welpe geliebt hast? Was mit den Katzen, Bären, Ratten… vom Möbelschweden, denen du die Ohren, Schwänzchen und Pfötchen zärtlich abgenuckelt hast? Bis zuletzt hast du mir immer einen davon aus der Spielzeugkiste zur Begrüßung an die Haustür getragen…
Wenn man mal total depri auf dem Sofa hockte, brachtest du sie einem als Trost…“I will try to fix you….”

Scarlett, es kommen so viele Bilder, dass ich kaum aufhören kann zu erzählen. Doch am Ende steht immer der Abschiedsschmerz. Die Physiotherapeutin, die Schmerzmittel, der marktneue monatliche Booster haben dir die letzten beiden Jahre erträglich gemacht. Du hast es sogar noch gewagt, mit dem kleinen Collie auf der Wiese am Abend zu tollen. Dabei mochtest du doch eigentlich nur Jagdhunde. Das Ende kam dann sehr sehr plötzlich, wie auch bei deinen Geschwistern vorher. Du hast gewartet, bis der kleine Collie richtig bei uns angekommen und ein annehmbarer Begleiter geworden ist Dann versagten deine Kräfte.
Die letzte Entscheidung ist immer die schwerste….
Wir geben dir dein Lieblingsquietschebällchen mit, wenn wir deine Asche im nächsten Frühjahr zum Berghaus bringen . Die beiden anderen alten Kumpel warten schon…(Doch welcher starke Hund wird mich den Berg hochziehen??)

Hunde kommen in unser Leben, um zu bleiben.
Sie gehen nicht fort, wenn es schwierig wird, und auch,
wenn der erste Rausch verflogen ist, sehen sie uns noch immer mit genau diesem Ausdruck in den Augen an.
Das tun sie bis zu ihrem letzten Atemzug.
Vielleicht, weil sie uns von Anfang an als das sehen, was wir wirklich sind:
fehlerhafte, unvollkommene Menschen.
Menschen, die sie sich dennoch genau so ausgesucht haben.
Ein Hund entscheidet sich einmal für den Rest seines Lebens.
Er fragt sich nicht, ob er wirklich mit uns alt werden möchte.
Er tut es einfach.
Seine Liebe, wenn wir sie erst verdient haben, ist absolut.

Pablo Picasso

8 Kommentare

  • Reply nina. aka wippsteerts 22. September 2022 at 15:46

    Ach
    was für ein schöner Rückblick auf ein schönes Hundeleben!
    Ein Traum von Hund, …und ja, sicher wäre sie ein guter Jagdhund geworden, aber sie hat ihre Aufgaben und Freuden bei Dir bekommen. (wir hatten Mal, als ich Teen war, einen sehr apportierfreudigen Hund, so dass ich es etwas nachvollziehen kann) Diesen beschriebenen Humor hätte ich auch gemocht. Ach, ich hätte den Hund mit den krausen Locken, die wohl sprichwörtlich waren, im Realen gemocht, im digitalen hab ich sie schon sehr lieb gewonnen und werde sie sehr vermissen.
    Auf dass sie nun in einem anderen Land die Nase schnuppernd hebt und dann dem Kaninchen hinterher jagd. Und immer einen Teich zum Baden
    Euch viel Trost und eine digitale Umarmung
    Liebe Grüße
    nina

  • Reply Lydia 22. September 2022 at 16:47

    Ein ganz wunderschöner und berührender Abschiedtext. Danke, dass du ihn mit uns teilst.
    Ganz liebe Grüße aus dem kleinen Dorf zwischen den Meeren
    Lydia

  • Reply Burglind 22. September 2022 at 18:38

    Liebe Andrea,

    ich muss gerade ein Tränchen verdrücken, zu schön ließt sich Dein Nachruf auf Scarlett und wieder einmal kommen die Erinnerungen an meinen Bonnie (ein West-Highland-White-Terrier Rüde) hoch, den wir unter abenteuerlichen Bedingungen 1987 in Holland vom Züchter geholt haben. In Deutschland wurde es damals ein Modehund und in Holland gab es strenge Gesetze, dass nicht auf Teufel komm raus diese Rasse gezüchtet werden darf und es einen Festpreis dafür gab. Wir waren schon in Verbindung mit der Züchterfamilie, ganz liebe Leute, die auch zum ersten Mal gezüchtet hatten, da war der Hund noch nicht einmal geboren. Als er 12 Wochen alt war, zwar alle Impfungen hatte aber noch nicht aus der Quarantäne hätte raus dürfen können haben wir ihn sozusagen im Fußraum vom Auto über die Grenze geschmuggelt und Glück gehabt. Als Zuchthund, obwohl er alles dazu mitbrachte, erster Wurf, kerngesund und preisgekrönte Eltern im Stammbaum wenn da nicht der eingewachsene Hoden gewesen wäre, an dem er gleich ein paar Wochen später operiert wurde. Für uns war er trotzdem der beste Hund der Welt, immer freundlich und umgänglich, den man überall hin mitnehmen konnte. 2004 mussten wir uns dann nach 17 Jahren von ihm für immer verabschieden, ein Nierenversagen. Nur zu gut kann ich jetzt Deine Gefühle nachvollziehen.
    Sei lieb gegrüßt und einen dicken Drücker
    Deine Burgi

  • Reply illy 23. September 2022 at 8:24

    ((drück))
    illy

  • Reply Claudia 23. September 2022 at 10:30

    Was für ein bewegender Rückblick, der mich sehr ergriffen hat. Es ist schon sehr traurig, so einen wundervollen Begleiter zu verlieren. Das Gesicht der Trainerin hätte ich gerne gesehen, als Scarlett den Dummy in den Pool geworfen hat.
    Ganz liebe Grüße,
    Claudia

  • Reply Martina 23. September 2022 at 15:59

    So viel Liebe in diesen Zeilen. Die Erinnerungen und die Dankbarkeit bleiben
    Alles Liebe, Martina

  • Reply Nicole/Frau Frieda 24. September 2022 at 5:55

    Jetzt sitze ich hier und weine leise vor mich hin, liebe Andrea.

    Du hast mich mitgenommen. Ich habe mich mitgefreut,
    gebangt, gelacht (die Geschichte mit dem Dummie ist allerfeinst)
    und nun zum Schluss laufen mir die Tränen herunter.
    Meine Gedanken und mein Herz sind bei Dir… bei Euch.

    // Lauf’ schmerzfrei über die Regenbogenbrücke, süßer Lockenhund! //

    Drück’ Dich still, Andrea. Herzlichst, Nicole

  • Reply Karin Be 24. September 2022 at 13:20

    Ein wunderbarer Rückblick zu eurer tierischen Gefährtin auf Zeit.
    Mir steht das Wasser in den Augen, auch weil meine beiden Graubären eine schwere Woche hinter sich haben und ich mich schon wieder in der Tierklinik sah. Chewbacca ist das Fell noch nicht einmal fertig nachgewachsen, nach seiner Operation im August.
    Viele liebe Grüße,
    Karin

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