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Judith Fanto: „Viktor“ {Buchtipp}

18. Mai 2021

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

Als ich in den letzten Tagen diesen Roman las, dachte ich, wie wichtig und eigentlich hochaktuell er ist. Auch wenn Titel und Cover das gar nicht suggerieren.

Die Debütroman der Niederländerin Judith Fanto (*1969) über eine jüdische Familie aus Wien und ihre Nachkommen hat einen realen biographischen Hintergrund. Vermutlich hat er mich deshalb so begeistert wie auch berührt.

Judith Fanto: „Viktor“

Wir schreiben das Jahr 1994. Die junge holländische Studentin Geertje weiß, dass ihre Familie zum Christentum konvertiert und eigentlich jüdischer Herkunft ist. Ursprünglich stammen die Großeltern aus Wien und waren während der Kriegszeit in Belgien untergetaucht. Aber über die Vergangenheit scheint ein Tuch aus Schweigen und aus wiederkehrenden Floskeln gebreitet. Geertje erscheint es, als würde sich die Eltern- und Großelternseite  des Judentums schämen. 

„Dass wir jüdisch waren, merkte man an nichts.“

S. 17

Sie ist in einer Phase, wo sie nach ihren familiären Wurzeln sucht, um zu ihrer eigenen Identität zu gelangen. Doch sie stößt ständig vor eine Wand aus Schweigen und leeren Worten. Ab und an taucht der Name eines Großonkels auf. Viktor – aber auch der „lebt nicht mehr“ und war scheinbar das schwarze Schaf in der Familie. Gerade deshalb wird er zum Ansatzpunkt für Geertjes Ausbruch und Nachforschungen. So unternimmt sie erste Begegnungen mit dem Judentum. Nicht nur in der Literatur, sondern gleich in einer jüdischen Gemeinde. Hier merkt sie, dass sie rein gar nichts über Glauben und Kultur weiß.

Mit dem Wechsel der Kapitel lernen wir als Leser*innen auch Viktor – Geertjes Großonkel – kennen, beginnend als Schulbub im Jahr 1914 in Wien. Auch wenn Viktor aus seiner Familie etwas herausfällt, wächst er uns sogleich ans Herz. Er mag ein unkonventioneller Schürzenjäger mit lockerem Verhältnis zum Gesetz und gesellschaftlichen Regeln zu sein, aber besticht mit Mut, Ideenreichtum und Warmherzigkeit.  Durch seine Perspektive erleben wir die Geschichte der jüdischen Großfamilie Rosenbaum bis zum Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 und in die Verfolgung in allen erschreckten Facetten.     

Neben der innigen Liebe zur Musik des Wieners Gustav Mahler und Rezepten aus der jüdischen Küche scheinen nur ein paar handgreifliche Relikte aus Wien – eine eine alte Chanukkia, die Siddurim, die Esterrolle und der angeschlagene Sederteller… im holländischen Haushalt von Geertjes Familie verblieben zu sein. Doch es liegen andere Relikte noch in dem Bewusstsein der Familienmitglieder. Davon sind nicht nur die betroffen, die die furchtbaren Geschehnisse noch am eigenen Leib erlitten haben, sondern auch die Nachgeborenen. Selbst wenn es nicht ausgesprochen wird – oder gerade WEIL es nicht ausgesprochen wird – sind die Vergangenheit und ihre Folgen allgegenwärtig. 

„Für meine Familie ist der Krieg nie wirklich zu Ende gegangen; sie lebt gewissermaßen noch immer untergetaucht.“

S.89

Selbst die holländischen Namen ihrer Töchter bzw. Enkelinnen lassen die Familiengeschichte nicht erkennen. Für  Geertje  erscheint ihr Vorname nun wie ein Deckname, den sie abstreift.

„Ich bin keine Geertje. Ich habe mich bemüht, aber aus mir wird nie eine Geertje.“

S. 103

Von nun an heißt sie ganz offiziell Judith. Damit beginnt sie die Mauer des Schweigens einzureißen. Auf der anderen Zeitebene ist es Viktor, der die Leben von Familienmitgliedern zu retten versucht, soweit es ihm nur möglich ist.

Fazit:

Das Cover, das das Gemälde „Dame in Gelb“ (1899) von  Max Kurzweil und einem Bild des Wiener Rathauses aus gleicher Zeit miteinander verbindet, ruft bei mir die innere Vorstellung der Jugendstilzeit hervor.  Zusammen mit der Musik Mahlers, die in der Geschichte immer anklingt, ergibt dies den Eindruck der guten alten Zeit in Wien , der das Familienbewusstsein immer noch nachtrauert. Ein gelungener Einstieg.

Die beiden Handlungsstränge um Geertje/Judith und rückblickend um ihren Wiener Onkel Viktor wechseln sich kapitelweise ab. Zur Orientierung in der Familiengeschichte ist gleich vorne ein kurzer, übersichtlicher Stammbaum eingefügt. Es besteht also keine Gefahr sich in der Zeit oder der Stammbaumzweigen zu verirren.

Nicht nur das Ringen um Selbstfindung der jungen Geertje/Judith, sondern das Verhalten ihrer Eltern und Großeltern wird im Laufe der Geschichte sehr gut nachvollziehbar dargestellt. Erschreckend ist, wie die Nachwirkungen der schrecklichen Vergangenheit selbst auf den Folgegenerationen lasten. Die Nachforschungen der jungen Frau ergeben immer wieder überraschende Wendungen, die die Überlebenden ihr Schweigen brechen lässt.

Was mir gefällt ist das Spiel zwischen den tragischen, erschreckenden Momenten, der Auflehnung und dem Humor, der nicht zu kurz kommt. Genau der ist es, der Viktor bis zuletzt durch die schlimmen Zeiten hindurchträgt.   

Judith Fanto erzählt hier ihre eigene und die Geschichte ihrer aus Wien stammenden Familie mit viel Empathie und Bilderreichtum. Gleichzeitig setzt sie  ihrem Großonkel Viktor ein sehr bewegendes Andenken.

Ein sehr berührendes Buch, das man schier nicht mehr aus den Händen legen mag. Also eine absolute Leseempfehlung!

Judith Fanto:
Viktor
Übersetzerin: Eva Schweikart
Verlag Urachhaus, Mai 2021

Verlinkt bei den Maibüchern im Karminroten Lesezimmer

  • Claudia 18. Mai 2021 at 8:42

    Liebe Andrea,
    danke für diese schöne Buchvorstellung, ein sicher lesenswerter Roman!
    Hab einen wundervollen Tag!
    ♥️ Allerliebste Grüße , Claudia ♥️

  • Astridka 18. Mai 2021 at 9:31

    Man kann diese Geschichten erzählen und erzählen, und trotzdem gelangen sie nicht in die Herzen so vieler, wie wir ja in diesen Zeiten erleben müssen. Auch jetzt müssen Juden & Jüdinnen in unserem Land wieder quasi untertauchen, weil der Antisemitismus auch unter Verschwörungsgläubigen sehr beliebt ist. In dem Falle wundert mich das Urachhaus als Verlag, sind doch Anthroposophen nicht frei von solchen Anschauungen, zumindest die, die da mitmachen.
    Spannend hört sich deine Rezension an.
    LG
    Astrid

  • nina. aka wippsteerts. 18. Mai 2021 at 21:58

    Familiengeschichten, egal sind oft ein Fundus, mit dem man sich beim Lesen eher identifizieren und deren Geschichte (n) man dann vielleicht auch besser begreifen und verarbeiten kann (und manches nicht vergessen)
    Liebe Grüße
    Nina

  • Agnes 20. Mai 2021 at 10:29

    Liebe Andrea,
    habe deine Buchvorstellung gelesen und mir scheint, das Buch ist interessant. Habe gerade mein zweites Buch von Ewald Arenz „Der grosse Sommer“ gelesen, werde es auch noch auf meinem Blog vorstellen. Daher kommt deine Buchvorstellung ganz passend für mich. Leider ist es wieder ein gebundenes Buch, wahrscheinlich ist es noch nicht als Taschenbuch erhältlich. Eigentlich sind mir die gebundenen Bücher zu teuer, aber vielleicht werde ich es trotzdem kaufen, es hört sich so interessant an.
    Liebe Grüße
    Agnes

  • Andrea Karminrot 29. Mai 2021 at 9:07

    Ich hatte dieses Buch schon öfter im Auge, doch nie wirklich in Betracht gezogen. Du hast mir die Entscheidung nun leichter gemacht. Ich will es auch lesen.
    Lieben Gruß
    Andrea