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Susanne Abel: „Stay away from Gretchen – Eine unmögliche Liebe“ {Buchtipp}

18. März 2021

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

Was für ein spannendes, mitreißendes Buch, das alles hat, was ich so mag. Authentische Charaktere, Tempo, Tiefe, Humor, interessanter Plot mit zeitgeschichtlichem Hintergrund… Der Roman erzählt mehr als eine Familiengeschichte, die insgeheim von der Vergangenheit geprägt ist. Hier wird Zeitgeschichte aufgeblättert, die fast vergessen schien: die „Brown Babies“ im Nachkriegsdeutschland. Die 500 Seiten habe ich wie im Fluge gelesen.

Susanne Abel: „Stay away from Gretchen – Eine unmögliche Liebe“

Tom Monderath lebt sein Leben als beliebter Nachrichtensprecher und Fernsehjournalist auf Hochtouren. Für eine eigene Familie sieht er darin keinen Platz, sondern genießt lieber sein Single-Dasein in vollen Zügen. Doch die Midlife-Crisis lässt schon grüßen. Wenn ihn jemand oder etwas in seinem Turboleben aufzuhalten scheint, kann er ziemlich ungehalten und grob reagieren.

Dass irgendwas mit seiner alten, über 80igjährigen alleine lebenden Mutter nicht stimmt, würde er deswegen  gerne übersehen. Da Mutter Greta nicht auf den Mund gefallen und sich viele Tricks und Ausreden als Schutzschild aufgebaut hat, geht das auch eine Weile gut. Doch immer wieder muss er das Wort Demenz fortscheuchen. Irgendwann bricht aber Gretas Kartenhaus der Erinnerungszettel und kleinen Lügen zusammen. Tom muss seine Mutter in einem mehrstündig entfernten Krankenhaus abholen, da sie in verwirrtem Zustand in die Irre gefahren und aufgegriffen worden ist.

Wie unangenehm, da die Presse davon Wind bekommt sowie sämtliche Termine durcheinandergeraten. Zu allem Überfluss wird ihm mit Jenny eine Ersatz-Assistentin  an die Seite gestellt, der er genervt deutlich zu verstehen gibt, dass er sie für inkompetent und unattraktiv hält.      
Stress pur für den von Erfolg verwöhnten und leicht arroganten Tom. Es bleibt ihm aber nichts anderes übrig, als sich der Situation zu stellen.

Die Erinnerung bricht sich ihre Bahn

Bislang hatte Mutter Greta über ihre Kindheit und Jugend nur wenige Worte ihrem Sohn gegenüber verloren. Es schien, dass sie die Erfahrungen in Kriegs- und Nachkriegszeit komplett verdrängen wollte. Toms Erinnerungen an seine eigene Kindheit sind geprägt von der schwierigen Ehe seiner Eltern, den zeitweisen Aufenthalten der Mutter in Sanatorien, dem Schweigen und Rückzug. Bislang hatte er nichts davon hinterfragt.
Doch mit der zunehmenden Demenz seiner Mutter Greta öffnet sich diese gegenüber ihrer Vergangenheit. Die Grenzen werden fließend. Die Bilder und Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend während der Nazi-, Kriegs-  und Nachkriegszeit werden lebendig. Plötzlich erzählt Greta von einer Tochter, es tauchen Namen auf, die Tom nicht kennt.

Damit trifft Greta den Nerv ihres Sohnes als früheren Investigativjournalisten. Mit jedem Puzzlestein, jedem Satz, der Greta herausrutscht wächst seine Neugierde. Doch allein wird er das Geheimnis seiner Mutter nicht lüften können und auf die Spur seiner verschollenen Schwester kommen.
Wer hätte gedacht, dass seine Mutter ihr Herz an einen farbigen GI verloren hatte? Ein absolutes Tabuthema jener Zeit.
Die deutsche Nachkriegsgesellschaft und auch die amerikanische Besatzungsmacht tabuisierten das Thema nicht nur, sondern schafften oft auch Tatsachen.
Seine ungeliebte Assistentin hat gerade entbunden. Also muss sie dem ungeduldigen Tom zwischen Windelnwechseln und Baby stillen auch noch Infos besorgen. 

Fazit:

Was für ein rasanter und spannender Roman, der uns nicht nur in eine verdrängte Familiengeschichte führt. Die Autorin erzählt die Geschichte geschickt auf zwei Zeitebenen  Es werden sehr lebendig Kapitel deutscher Geschichte aufgeschlagen. Gretas Familie ist schon vor dem Krieg zerrissen mit einem Nazivater und einem sozialdemokratischen Großvater. Eindrücklich wird die Situation der Kinder in der Zeit vor, während und nach dem Krieg dargestellt.
So wie die Erinnerung Gretas immer lebendiger und wie ein abdichtender Deckel abgesprengt wird, erfahren die Leser*innen in Rückblenden davon. Der nachforschende Protagonist Tom muss mühevoller darum ringen.

Die Realitätsebene der Handlung befindet sich im Jahr 2015, so dass immer wieder auch Parallelen zur Flüchtlingskrise jenes Jahres gezogen werden können.

Sehr bewegend geschildert wird Gretas Situation nach der Flucht aus Ostpreußen nach Heidelberg. Ihre zarte Liebe zu dem farbigen GI ist sehr bewegend. Wie die politische Lage in Deutschland und in den USA gemischt-farbigen Paaren ein Zusammenleben verunmöglicht hat, wird einem erschreckend klar.

Toms Nachforschungen sind spannend wie ein Krimi. Kein Wunder, dass das Erfahrene und Erlebte nicht spurlos an ihm vorüber geht. Mittlerweile weiß man, dass auch die nächsten und übernächsten Generationen die Folgen solcher Geschehnisse tragen müssen. Seine persönliche Wandlung ist absolut nachvollziehbar.
Sehr bewegend und offen wird hier ebenso das Thema der Demenz aufgegriffen.

Ein vielschichtiger Roman, der mich in Gedanken noch länger begleitet hat. Absolute Leseempfehlung.

Susanne Abel:
Stay away from Gretchen.
Eine unmögliche Liebe
Verlag dtv, März 2021
528 Seiten

  • Astridka 18. März 2021 at 10:29

    Das ist eine Epoche, die birgt unheimlich viel Erzählstoff! Bin gerade auch hinter der Geschichte einer Frau her, die ihre Jugend in jenen Tagen verbracht hat. Und auch die zweite Ebene dieser Geschichte ist schwindelerregend.
    Ich glaube, dieses fürchterliche 20. Jahrhundert wird noch viele Romane inspirieren. Und es ist ja auch über die Nachfahren immer noch präsent. Das Thema Demenz ist dann auch noch eines, das ja fast jede Familie betrifft. Schön, dass die Autorin das alles gut zu erzählen vermag!
    Einen schönen Tag!
    Astrid

  • agnes 18. März 2021 at 10:32

    Hallo,
    das hört sich gut an. Ich werde mir das Buch bei der Buchhändlerin meines Vertrauens bestellen. Du hast es interessant beschrieben . Ich habe gerade das letzte Buch durch und es auch schon auf meinem Block vorgestellt. Dann freue ich mich jetzt schon auf das von Dir vorgestellte Buch und die damit verbundenen Einblicke in die Zeitgeschichte von damals und jetzt.
    LG Agnes

  • Friederike 24. März 2021 at 19:30

    oh, danke für diesen Tipp, ich mag Familiengeschichten mit historischen Rückblicken, auch wenn es die unselige Zeit betrifft. Ostpreußen zieht mich ebenfalls sehr an (unbewusst, denn ich war nie dort und es gibt keine familiären Beziehungen) und ich habe schon viel darüber gelesen.
    Bin gespannt auf den Roman!!

  • Friederike 26. März 2021 at 9:05

    was für ein fesselnder Roman, hat mich sehr berührt!! Deine Rezension beschreibt ihn perfekt. Die tragische Geschichte der brown babies in D (und sicher auch in Ö) war mir in dem Ausmaß nicht bewusst, habe mich aber anlässlich eines Urlaubes in den Südstaaten der USA mit dem Thema Rassentrennung dort beschäftigt. Ich werde dranbleiben. Danke nochmals für den tollen Tipp, lg