Bücher

Rückblick auf meine Januarbücher

31. Januar 2021

unaufgeforderte und unbezahlte Werbung da Nennung von Autorennamen und Buchtiteln
rein persönliche Empfehlungen

In diesem Jahr möchte ich erst am Monatsende einen Blick auf meinen Stapel der gelesenen Bücher werfen. Dann kann ich wenigstens etwas mehr darüber schreiben… Ein Buch fehlt in der Reihe. Denn es ist Teil meines Jahresprojektes. Davon berichte ich also erst morgen.

Der Januar, kalt und schneereich, war perfekt um sich in seinen Lesesessel oder aufs Sofa zu verziehen und zu schmökern. Ich habe deshalb auch alle Bücher gelesen, die ich mir vorgenommen hatte.

Yoko Ogawa: „“Insel der verlorenen Erinnerung“

Dies war meine erste Begegnung mit der bekannten japanischen Autorin Yoko Ogawa. Ihr Roman ist angelegt wie eine typische Dystopie, die geschickt die heimtückischen, entmenschlichten Methoden eines totalitären Regimes darstellt.
Nach und nach verschwinden immer mehr Gegenstände aus dem Leben der Bevölkerung. Mit jedem verlorenen Objekt verlieren die Menschen aber auch die damit verbundenen Erinnerungen. Auf diese Weise leiden sie emotional und an ihrem Selbst, denn die Verluste können durch nichts ersetzt werden.


Menschen, die die entzogenen Dinge nicht aus ihrem Gedächtnis und Bewusstsein löschen können oder wollen, werden von der Erinnerungspolizei verfolgt und verschleppt. Oder sie finden irgendwo einen Unterschlupf. Die Angst, der Kampf und die Verfolgung sind für den Leser sehr gut nachvollziehbar.
Doch Ogawa geht über die politische Dimension hinaus. Die Titelheldin, eine junge Frau, versteckt einen der bedrohten Menschen, ihren früheren Lektor. Dieser kann ihr zeigen, dass Dinge, die verschwunden sind, nicht weniger real sind, denn ihre Geschichten bleiben erhalten. Doch nicht nur die Welt um die junge Frau herum verschwindet….

Ein stilles Buch, das zum Nachdenken über die Bedeutung der Erinnung und Gemeinschaft anregt. Sehr lesenswert.

Meine Erinnerungn werden nicht mit Stumpf und Stiel ausgerissen. Obwohl sie verblassen, bleibt ein Nachhall. Sie sind wie Samenkörner. Schon beim nächsten Regenguss können sie wieder keimen und sprießen.

S. 104

Tom Barbash: „Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“

Der junge Anton Winter versucht im New York Ende der 70iger Jahre seinem Vater einem ehemals berühmten Late-Night-Talkmaster beizustehen. Nach einem Nervenzusammenbruch braucht Buddy Winter jemanden, der ihn wieder aufbaut und vielleicht zu einem Aufleben seiner Karriere verhilft. Dabei ist Anton, gerade erst vom Peace Corps mit Malaria aus Afrika wieder ins Dakota Building zu seinen Eltern zurückgezogen. Eigentlich wollte er doch seinen eigenen Weg gehen.

Die berühmte Winter-Familie kennt alle, die einen Namen in NYC jener Tage haben. So treffen wir auf Ted Kennedy im Wahlkampf, wie auch auf Yoko Ono und John Lennon, die auch im Dakota Building wohnen.
Eine interessante Sicht auf die Stadt und Gesellschaft jener Tage. Während Anton seinem Ziel, seinen Vater „neu zu erfinden“ näher zu kommen scheint, verliert er sich selber aus den Augen.
Sehr schön zu schmökern und an ein anderes Amerika zu denken, das es so nicht mehr gibt.

Ich dachte an Rachels Worte: Eltern sollten fest installierte Objekte sein und keine abstrakten Gemälde.

S. 210

John Boyne: „Das Haus zur besonderen Verwendung“

Rückblickend erzählt der alte Georgi im Londoner Exil von seiner Jugend im zaristischen Russland. Von dort ist er mit seiner jetztigen Frau Soja, die nun im Sterben liegt, geflohen. Der junge Bauernsohn Georgi vereitelt recht spontan ein Attentat auf ein Mitglied des Hochadels. Durch die Empfehlung des Geretteten wird er zum Leibwächter des Zarewitsch Alexej. Im Petersburger Winterpalais verliert er sein Herz an die jüngste Zarentochter Anastasia.
Doch das Ende der Monarchie und die Revolution steht vor der Tür. Georgi gerät in die Wirren des Umbruchs, hält aber der Zarenfamilie und vor allem seiner schier unerreichbaren Liebe die Treue.

Wir sind eine Person. Wir sind GeorgiundSoja.

Wer fiktionale historische Romane liebt, wird begeistert sein von dieser fesselnden Geschichte. Mir gefiel die Erzählweise mit den wechselnden Rückblenden und der sehr einfühlsamen Schilderung des Exilpaares. Ihre Gefühlswelt wird sehr nachvollziehbar dargestellt.
Ich hatte erst vor ein paar Monaten eine Doku über die letzten Jahre im zaristischen Russland und über die Zarenfamilie gesehen, so dass ich gleich konkrete Bilder vor Augen hatte.

„Russland erinnert mich an einen Granatapfel . Bevor er verrottet.“

S. 83


Maggie O’Farrell: „Ich bin, ich bin, ich bin“

Ende letzten Jahres war ich so begeistert von Maggie O’Farrells Roman „Judith und Hamnet“. Dieses etwas ältere, eher autobiographisch inspirierte Buch hat mich sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht.
Die Autorin befand sich in ihrem Leben mehrmals am Rand des Todes. Oft entscheiden nur Sekundenbruchteile, kleine Entscheidungen, Zufälle oder hart erkämpfte Heilungswege, dass ihr Leben fortgeführt wird.
Dieser sehr existenzieller Blick auf das Leben an sich berührte mich sehr. Man lernt, den Moment mehr wertzuschätzen. Außerdem kommt einem die Maßnahmen in dieser Pandemie, mit der wir unser eigenes Leben und das der Mitmenschen schützen können, einerseits extrem wichtig und daneben auch einfach, leicht und selbstverständlich umsetzbar vor.

Dass die Dinge im Leben, die nicht nach Plan laufen, auf lange Sicht meist wichtiger und prägender sind als die Dinge, die glattgehen.

S. 55

Yoko Ogawa: „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“

Weil mir Yoko Ogawas poetischer Schreibstil sehr gefallen hat, habe ich gleich noch ein anderes Buch von ihr im Januar mit auf den Stapel gelegt. Dass die Mathematik darin eine besondere Rolle spielt, merkt man ja schon am Titel. Dabei liegen mir Zahlen so überhaupt gar nicht, trotzdem nahm mich hier ihr Zauber gefangen.

„In der Mathematik findet sich die Wahrheit in unbekannten Gefilden. Und das ist nicht immer auf dem Gipfel eines Berges, sondern unter Umständen auch am Fuße einer steilen Klippe oder in einer tiefen Schlucht.“

S. 52

Die Erzählerin kommt als neue Haushälterin in den kleinen Haushalt eines ehemaligen Mathematikprofessors, der vor vielen Jahren nach einem Autounfall sein Kurzzeitgedächtnis verloren hatte. Genau 80 Minuten kann er rückblickend erfassen. Trotzdem gelingt es der Haushälterin und ihrem zehnjährigen Sohn das Vertrauen des Professors zu gewinnen. Tatsächlich scheint er wieder aufzublühen.

Die Welt der Zahlen bietet eine Ebene, auf der sich die Drei begegnen, kennenlernen und Freundschaft schließen. Dabei werden auch wir Leser immer mehr von den Wundern der Mathematik fasziniert. Ein zauberhafter Roman!

„Die ewigen Wahrheiten bleiben unsichtbar, unabhängig von materiellen Dingen, Naturphänomenen oder menschlichen Gefühlen. Aber die Mathematik kann das Wesen dieser Wahrheiten zum Ausdruck bringen. Daran kann niemand und nichts sie hindern.“

S. 164

Tim Krohn: „Die heilige Henni der Hinterhöfe“

Tim Krohn ist Deutsch-Schweizer, im Glarus aufgewachsen und hat in Berlin studiert. Der Titel seines Romans lehnt sich an ein Stück von Brecht an, das Ende der 1920iger Jahre entstand. Das passt, denn Krohn malt hier ein Sittengemälde der 20iger Jahre in Berlin.
Mittendrin die 1902 noch in die Kaiserzeit geborene Henni, die in HInterhäusern auf dem Prenzlauer Berg aufwächst. Ob sich die Prophezeiung des Feuerwehrmannes, der die kleine Henni vom vereisten Klettergerüst rettet, bestätigen wird?

„Entschuldige dich bei den Herren für die Mühe, Henni“, sagte Arthur Binneweis.

Doch ehe Henni etwas sagen konnte, lachte der eine Feuerwehrmann. „I wo, Ihr Frollein Tochter is nu mal eene, die will hoch hinaus, find ick prima. Fußvolk ham wir ja mehr als jenuch in Preußen. Ihre Henni dagegen, dit sarick Ihn, is zu Höherem jeborn, aus der wird wat. Da wernse noch staunen.“

Nach dem Weltkrieg, von dem sich Klein-Henni mehr versprochen hat, merkt die junge Berlinerin, dass sie im turbulenten Großstadtdschungel nach ihrer eigenen Bestimmung suchen muss. Noch keine 20 Jahre alt hat sich sich schon als Nackttänzerin, leichtes Mädchen, als Vorführdame auf dem Laufsteg im KaDeWe und Ansagerin im Kabarett versucht.
Doch ihr eigentliches Ziel ist es, den Durchbruch als Sängerin oder Tänzerin auf der Bühne zu schaffen.

Erzählt wird nicht nur Hennis abenteurerlicher Werdegang, sondern auch das wechselvolle Schicksal ihrer Familie. Bruder Kurt gerät in politische Kreise, die Eltern leben sich auseinander – am Ende sitzt der Papa als Verfechter der Freikörperkultur nackt am Familientisch. Immer wieder trifft man bekannte Persönlichkeiten der Zeit, erlebt den sozialen Auf- und Abstieg von Menschen und taucht ein in ein buntes Panaorama jener Zeit. Auch die braune Flut kündigt sich an. Der zunehmende Hass auf jüdische Mitbürger*innen erinnert Henni immer öfter daran, dass ihre Mutter jüdischer Herkunft ist.

Ein Buch, dass mich mit seinem sehr humorigen Ton, viel Zeitkolorit und Berliner Schnauze vereinnahmt hat. Allerdings hat mir das Ende nicht wirklich gefallen.

verlinkt bei den Monatsbüchern im Karminroten Lesezimmer.

5 Kommentare

  • Reply Sheena 31. Januar 2021 at 8:53

    guten morgen,
    Da hast du dir aber tolle Bücher auserwählt, auch wenn ich sie leider alle nicht kenne, aber nach dem Titel mit John Lennon drinnen werde ich mal näher stöbern gehen beim großen A.
    Möge dein Februar auch lesemäßig toll werden =)

    Herzlich Sheena

  • Reply Magdalena 31. Januar 2021 at 11:40

    Das ist ja mal eine sehr anregende Mischung. Danke für die interessante Vorstellung.
    LG
    Magdalena

  • Reply Nicole/Frau Frieda 31. Januar 2021 at 16:27

    Ich weiß, es gehört hier nicht her, aber ich musste direkt an meinen Exmann (eine Halbjahr-Ehe/vor den Kindern) denken. Er hat Mathematik studiert und wurde Dr. rer nat – ein Mensch, der die Schönheit in den Zahlen, Formeln und Möglichkeiten gesehen hat… Weißt Du was, Andrea?! Jetzt haben wir beide direkt Deine Januarbücher umgesetzt… Mathematik im Nachhall der Erinnerung. Drücker, Nicole

  • Reply Friederike 31. Januar 2021 at 16:30

    Ogawas Geheimnis der Eulerschen Formel habe ich bereits heruntergeladen (ich lese nur mehr am Kindl) und bin gespannt, ob es mir auch so gefällt wie dir! Im Moment bewege ich mich im Leben von Johannes Kepler und seiner Mutter, die als Hexe angeklagt wurde.
    lg

    • Reply Friederike 9. Februar 2021 at 19:50

      Das Buch die Eulersche Formel fand ich wirklich zauberhaft, und die Zuneigung zwischen dem Professor und dem Sohn sehr berührend. Auch die Zahlenbeispiele waren interessant, mit so einer Begeisterung wie der des Professors könnte man viele Kinder zur oft ungeliebten Mathematik bringen… Danke für den Tipp!

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