Bücher

Dezemberbücher und ein Buchtipp

7. Dezember 2020

unbezahlte und unaufgeforderte Werbung, rein persönliche Empfehlungen

Geht mal bitte kurz zur Seite, heute schiebe ich den ersten kleinen Bücherstapel für diesen Monat herein. Ha, das erste Buch habe ich schon gelesen und bin hin und weg. Förmlich inhaliert habe ich Maggie O‘-Farrells Roman, für den ich Euch eine begeisterte Leseempfehlung geben kann. (Übrigens: auch wenn ein Protagonist darin an der Pest stirbt, handelt es sich nicht um einen Pandemie-Roman. Seuchen waren damals Alltag. Das haben wir nur irgendwann vergessen. Jetzt wissen wir’s wieder….)

Maggie O’Farrell: Judith und Hamnet

Über das Leben William Shakespeares ist viel geforscht, aber nur wenig Gesichertes herausgefunden worden. Über seine Familie weiß man nur, dass sie in Stratford-upon-Avon lebte: seine Frau Anne Hathaway, seine Kinder Susanna und die Zwillinge Hamnet und Judith.
Vielleicht klingelt es jetzt leicht in Euren Ohren und ihr erinnert Euch an eines von Shakespeares wichtigsten Dramen „Hamlet“, das  1601 entstand.

Die Schreibweisen in den uralten offiziellen Dokumenten variieren abenteuerlich. Shakespeares einziger Sohn wurde vermutlich nach einem Bekannten benannt: Hamnet Sadler oder je nach Urkunde Hamlette Sadler.
Sicher ist, dass Hamnet Shakespeare 1596 mit gerade einmal 11 Jahren starb.
Shakespeares Frau und Kinder blieben in Stratford, während William in London lebte, Karriere am Theater machte und zwei- bis dreimal im Jahr die Familie besuchte.

Im Roman „Hamnet und Judith“ eröffnet die Autorin Maggie O’Farrell einen berührenden, wie auch spannenden fiktionalen Einblick in das Leben dieser kleinen Familie. Dafür wurde sie mit dem ‚Women’s Prize for Fiction 2020“ bedacht.

Maggie O’Farrell erzählt ihre Geschichte in zwei größeren Handlungssträngen. In einem bewegen wir uns in der Gegenwartsebene rund um die Ereignisse von Hamnets Erkrankung und seinem Sterben an der Pest. Rückblickend erfahren wir um die Liebesgeschichte des sehr jungen Shakespeares und der um acht Jahre älteren Frau, die sich einiges einfallen lassen mussten, um heiraten zu dürfen.

Hamnet

Als sich seine zarte, empfindliche Zwillingsschwester Judith plötzlich fiebernd und mit beulenartigen Verdickungen am Körper niederlegt, sucht Hamnet verzweifelt nach Hilfe im elterlichen Anbau direkt neben dem Haus seiner väterlichen Großeltern. Mutter Agnes ist bei den Bienen und den Kräutern in einem entlegenen Garten. Er trifft nur auf den Großvater John, einem jähzornigen, bösartigen Patriarchen. Durch unlautere Geschäfte ist der Handschuhmacher ins gesellschaftliche Abseits gedrängt worden. Er lässt Wut und Unmut rasch in körperlicher Gewalt an Schwächeren aus. Damit trägt er wesentlich dazu bei, dass sein Sohn  das Leben in London vorzieht. Zunächst versucht dieser eine Handlungsvertretung für die Waren seines Vaters dort aufzubauen, dann ergibt sich eine Verbindung zur Welt des Theaters. Pläne, die Familie nachzuholen, werden nie umgesetzt.

Beim John gibt es also nur Grobheiten. Nachdem Hamnet nirgendwo auf Unterstützung trifft, sinkt auch er ermattet neben seiner Schwester in den Schlaf. So findet ihn dann später seine große Schwester.

Agnes

Vielleicht kann die Mutter Agnes/Anne (man erinnere sich an die unterschiedliche Quellenlage) der erkrankten Judith helfen?
Agnes wird von O’Farrell als eine kräuterkundige, hellsichtige, warmherzige und vor allem sehr selbstbewusste Frau dargestellt. Eigentlich kann man sie als wichtigste Protagonistin in diesem Roman bezeichnen. Als Tochter eines wohlhabenden Grundbesitzers hat sie den 18jährigen Lateinlehrer aus Liebe geheiratet. Ihr Bruder sorgt dafür, dass seine mutige, freiheitsliebende Schwester nicht in die emotionale Kälte des Hauses der Schwiegereltern ziehen muss.

Agnes umgibt stets ein Hauch von übersinnlichen Kräften und Vorahnungen, sie eckt in ihrer Eigensinnigkeit immer wieder an. Ihrem Mann wurde von der Autorin nur eine Nebenrolle zugeschrieben. Er ist zwar ein liebender Vater, aber im Alltag taucht er ja kaum mehr auf. Meist weilt er nur mal im Hause, wenn die Theater in London wegen der Pest geschlossen werden mussten.

Selbst sein Name, William Shakespeare, wird im ganzen Buch nicht einmal ausgesprochen. Er taucht nur als der Mann an Agnes‘ Seite auf.  

Einfühlsam hat Agnes immer einen Rat oder Kräuter für die Kranken des Dorfes zur Hand. Ihre größte Sorge gilt immer der Tochter Judith, die von Geburt an kränklich und schwach ist. Zwillingsbruder Hamnet scheint der widerstandskräftigste in der Familie zu sein. Viele Kinder sterben in jener Zeit schon im frühen Kindesalter, Pestwellen oder der „Englische Schweiß“ überrollen immer wieder das Land.  

Trauer

Doch Judith wird wieder genesen, während alle zu spät erkennen, dass auch Hamnet erkrankt ist. Letztendlich wird selbst Agnes ihn der Seuche nicht mehr entreißen können. Die Trauer übermannt die gesamt Familie und jeder von ihnen geht anders mit ihr um.

Mit viel Empathie erzählt die Autorin von der Trauer, von der Schwere des Verlustes. Selbst die Eheleute entfremden sich zusehends und können sich nicht mehr in die Augen schauen. Letztendlich mündet der Roman in die Entstehung des Dramas „Hamlet“.

Fazit

Maggie O’Farrell erfindet rund um den Dramatiker Shakespeare eine sehr lebendige, intensive aber natürlich fiktive Familiengeschichte. Spannend wie auch bereichernd  ist, wie sie den Blickwinkel  verschiebt. Zum einem sieht man den Dramatiker neu, zum anderen erlebt man eine ganz besondere unkonventionelle Frau in jenen Zeiten.

Die Geschichte spricht so viele Themen und Gemütslagen an: die Intensität der Trauer, die Verbundenheit der Zwillinge, die magischen Elemente der Natur, die Faszination des Theaters, die berührende Kräfte der Liebe

Das Lesen des Romans ist sprachlich ein wahrer Genuss. Mal wird still, mal mitreißend, aber immer voller Kraft und Intensität erzählt. Maggie O’Farrell lässt sich Zeit zum Erzählen und als Leser*in sollte man sich auch die Ruhe zum Genießen dieser berührenden Lesemomente nehmen.

Absolute Leseempfehlung!

Maggie O’Farrell:
Judith und Hamnet
Übersetzt von Kristin Mittag
Verlag Piper, September 2020
416 Seiten

In diesem Dezember brauche ich dringend Bücher, die mich in vergangene Zeiten abtauchen lassen. Ein bisschen magisch darf es dabei auch zugehen. Die Winternacht-Trilogie von Katherine Arden nimmt mich mit in den tiefen russischen Winter und verwebt mit der eisigen Kälte uralte Mythen, Märchen und Geschichten des Landes.
Die Autorin hat mehrere Jahre in Moskau und im US-amerikanischen Bundesstaat Vermont gelebt. Was Winter bedeutet, ist ihr auf jeden Fall geläufig. Ich bin noch mitten im ersten Band und habe den Kamin angeschürt…

Katherine Arden: Winternacht-Trilogie –
Der Bär und die Nachtigall
Das Mädchen und der Winterkönig
The Winter of the Witch (noch nicht auf deutsch erschienen)

(Übersetzt von Michael Pfingstl; Verlag Heyne, Nov. 2020)

Der jungen wilden Wasja ist das Erspüren der Magie des Waldes in die Wiege gelegt worden. Um ihre Familie und das Dorf zu retten, braucht sie loyale Freunde und eine Menge magische Unterstützung auf ihrer Seite.

verlinkt beim ‚Buch des Monats‘ im Karminroten Lesezimmer

  • nina. aka wippsteerts 7. Dezember 2020 at 9:44

    Sehr schön, Deine Buchtipp wieder. Ich muss gestehen, dass mir zwar Hamnet und Judith interessiert, aber ich gerade genug von Pandemie habe. Die winterlich-russische Mystik dagegen lockt mich sehr hinter dem Ofen hervor, ich muss gerade an den „starken Wanja“ denken
    Danke und eine gute Woche
    Liebe Grüße
    Nina

    • Andrea 7. Dezember 2020 at 11:30

      Hallo Nina,
      also die Pest steht in dem Buch wirklich nicht im Mittelpunkt. Da kannst Du unbesorgt sein.
      Liebe Grüße
      Andrea

  • Ein Garten in der Steiermark 7. Dezember 2020 at 17:47

    Vielen Danl für die Vorstellung der Triologie – sie hört sich toll an und steht schon auf meinem Wunschzettel 🙂 Ich mag Deinen Blog sehr gern, die Büchervorstellungen gefallen mit besonders gut. Ich habe Dir schon manchens Buch nachgeshoppt 🙂

  • Pia 7. Dezember 2020 at 21:34

    Ich beneide dich um deine Lesezeit, im Moment komme ich überhaupt nicht zum lesen.
    Vielleicht gibt es ja über die Festtage freie Zeit, wenn wir uns nicht treffen dürfen. Zum Glück kann ich ja sehr schnell ein Buch kaufen, ich lese ja ausschliesslich auf dem Kin**e.
    L G Pia

  • Ivonne 8. Dezember 2020 at 7:11

    Ohhhh, die Trilogie hört sich toll an … aber ich muss standhaft bleiben. Ich will erst meine Harz-Krimis fertig lesen. Auf die Leseliste habe ich sie aber auf jeden Fall mal notiert.
    Danke für die Vorstellung ♥
    Liebe Grüße
    Ivonne
    P.S. Was macht der Fuß?

  • nic 8. Dezember 2020 at 21:42

    https://nicinscotland.blogspot.com/2020/12/ps-for-andrea.html
    😀 Liebe Gruesse, nic

    • nic robinson 9. Dezember 2020 at 10:37

      Ja, das sind border collies, sehr intelligent und schnell, brauchen viel Bewegung und haben all die Instinkte von Geburt an, die Crofter lehren sie nur ein Wort fúr das was sie von Natur aus tun. In ihren Worten sind es die Collies, die ihnen beibringen wie das abláuft, nicht andersrum. GLG nic

  • niwibo 9. Dezember 2020 at 19:47

    Die letzten beiden Bücher sprechen mich am meisten an liebe Andrea.
    Alleine das Cover schaut prima aus.
    Und Märchen gehen immer.
    Ich habe gerade wieder ein Neues entdeckt, das muss ich unbedingt haben.
    Lieben Gruß
    Nicole

  • Nicole/Frau Frieda 10. Dezember 2020 at 1:55

    Der erste Band der Winternacht-Trilogie liegt bereits auf meinem Nachtisch, liebe Andrea. Russische Märchen haben einen ganz besonderen Zauber gerade in der Winterzeit. Jetzt muss ich nur noch die Ruhe finden, wieder zu Lesen. Dir einen lieben Gruß, Nicole