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Victoria Mas: „Die Tanzenden“ {Buchtipp}

8. Juli 2020

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

Bereits im März habe ich mich in das Rezenisionsexemplar dieses Buches vertieft. Aber dann blockierte das Virus alles, und die Veröffentlichung wurde nach hinten geschoben. Doch jetzt wirbelt das fedrigfeine Tanzkleid auf dem bezaubernden Titel herum, hinauf auf die Büchertische der wieder geöffneten Buchhandlungen.

Victoria Mas: „Die Tanzenden“

Im Zentrum des Debütromans von Victoria Mas steht das berühmte Pariser  Krankenhaus  Hôpital de la Salpêtrière. Im Jahre 1885  war es vornehmlich eine Nervenheilanstalt für (oft auch nur vermeintlich) psychisch kranke Frauen, z.B. sogenannte Hysterikerinnen.

Schnell gerieten in dieser Zeit Frauen in die Mühlen der Psychiatrie, wenn sie sich rebellisch, aufmüpfig, abseits der – von Männern gesetzten – Norm verhielten. Ihre rechtlose Position verschärfte die Gefahr, von ihren Vätern, Ehegatten oder anderen männlichen Verwandten dorthin überbracht zu werden.

Die blutjunge Eugénie begeht den Fehler, der Großmutter von ihrer Fähigkeit zu berichten, mit Verstorbenen zu kommunizieren. Eugénies wachsendes Interesse für den Spiritismus und ihr selbstbewusstes Verhalten wird ihr zum Verhängnis. Ihr Vater verstößt sie umgehend aus der Familie und übergibt sie gegen ihren Willen höchstpersönlich der Salpêtrière.

Weggesperrt

Dort treffen die Leser auf die 16jährige Louise, die schon seit mehreren Jahren in der Salpêtrière behandelt wird. Sie sieht sich schon fast in der Position einer Star- Patientin, da sie gern von den Ärzten in den Vorlesungen unter Hypnose gesetzt und mit ihren krampfartigen Anfällen den voyeuristischen Kollegen und Studenten vorgeführt wird. Die Behandlungen in der Anstalt sind rigoros, Isolationen an der Tagesordnung.

Louise und Eugénie hegen beide den Traum, auszubrechen und wieder das Leben einer normalen, freien Frau zu führen. Dabei glaubt Louise, dass ihre Verliebtheit zu einem jungen Arzt ihr Möglichkeiten eröffnen könnte.

Obwohl die Wärterin Géneviève seit 20 Jahren ihren Dienst hier versieht und ihre Patienten bestens kennt, wird ihren Kenntnissen von Arztseite keine Beachtung geschenkt.
Das Verhältnis zwischen Géneviève und Eugénie macht im Laufe der Handlung eine spannende Wandlung durch. Auch Eugénies Bruder wird von Gewissensbissen geplagt, hatte er seinem Vater doch bei der Einweisung der Schwester geholfen.

Der Ball der Verrückten

Einmal im Jahr findet in der Klinik eine lang herbeigesehnte Ballnacht statt. Die Patientinnen planen Kostüme und freuen sich auf Tänze an diesem Höhepunkt im Einerlei des grauen Anstaltsalltags. Neugierig und sensationslüstern werden die Tanzenden bei diesem „Ball der Verrückten“ von den Bürgern der Stadt Paris beobachtet.

Auf diese Nacht setzen auch Louise und Eugénie ihre Hoffnungen und Planungen.

 

Fazit:

Victoria Mas nimmt die rechtlose Situation der Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts als Grundlage ihrer Geschichte. Die erschreckenden Verhältnisse in der Nervenheilanstalt tragen zur Handlung wesentlich bei, stehen aber auch nicht im Zentrum. Sowohl in Familie, Gesellschaft, als auch Medizin sind es die Männer, die die Frauen unterdrücken und die Normen setzen. Dies ist der Rahmen, in dem sich die Protagonistinnen mit Mut, Verzweiflung und Solidarität behaupten müssen.

Der Spiritismus war am Ende des 19. Jahrhunderts ein Thema in der Gesellschaft, allerdings war er wohl meist Männern oder höher gestellten Gesellschaftsschichten vorbehalten. Auch hier unterlässt die Autorin eine Wertung, sondern stellt lediglich die Fähigkeiten von Eugénie dar, ohne sie zu kommentieren.

Ich hatte eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen und eine ausgedehntere Handlung erwartet. Trotzdem fand ich es durchaus interessant, wie die Autorin sich auf andere, empfindsamere Weise der Thematik näherte. Sie erfasst ganz intensiv die Geschichten und persönlichen Entwicklungen ihrer Protagonistinnen, vor allem der Patientin Eugénie und der Wärterin Géneviève. Es wird aufgezeigt, wie diese Figuren mit den Zeitumständen, ihrer persönlichen Situation und ihrer Rolle als Frau umgehen. Gerade Génevièves Schicksal ist da besonders spannend.

Der Handlungsbogen ist nicht weit gespannt, trotzdem fiebert man mit den Hauptfiguren mit.
Der Stil der Autorin ist angenehm und leicht zu lesen. Durch die sensible Darstellung kann man sich tief in die Figuren einfühlen.

Das farblich wunderschöne Cover wie auch der Titel „Die Tanzenden“ (im Original „Le ball de folles“ – Der Ball der Verrückten)  vermittelt einen Eindruck von Leichtigkeit und Lebensfreude. Es ist die Sehnsucht danach, die die Protagonistinnen antreibt, sich aus ihrer Situation zu befreien.

Victoria Mas:
Die Tanzenden

Übersetzerin: Julia Schoch
Verlag Piper, Juli 2020

240 Seiten

 

  • Claudia 8. Juli 2020 at 9:56

    Liebe Andrea,
    herzlichen Dank für die tolle Buchbeschreibung!
    Hab einen wunderschönen und freundlichen Wochenteiler!
    ♥️ Allerliebste Grüße, Claudia ♥️

  • Astridka 8. Juli 2020 at 10:33

    Wunderbar, dass sich die zeitgenössische Literatur der Frauenleben der doch eher verschrieenen Jahrhunderte annimmt und die weibliche Welt von damals noch einmal mit weiblichen Augen sieht und sie beleuchtet. Wir haben darauf oft immer noch den männlichen Blick ( auch, weil die Literatur die Darstellungen der Männer höher bewertet hat und damit ihr Überleben gesichert ), und der wird den Frauen damals nicht gerecht.
    Ich bin momentan so begeistert, was auch in diesen Zeiten Frauen erlebt, geschaffen, gemeistert haben!
    Gerade im Radio noch einmal über die beeindruckend tatkräftige Johanna Kinkel gehört, deren 210. Geburtstag heut ist, habe ich selbst ein Porträt einer Frau der Jahrhundertwende 18./19. abgeschlossen ( und schon wieder andere Zeitgenossinnen ins Auge gefasst ). Über all diesen „Reichtum“ bin ich immer wieder ganz beglückt. Schade, dass dann aber keine Zeit für die von dir vorgestellten Romane bleibt!
    Einen schönen Tag wünscht dir
    Astrid

  • nina. aka wippsteerts 8. Juli 2020 at 12:06

    Hysterische Frauen, Spiritismus, Nervenheilanstalt, du meine Güte. Starker Tobak.
    Da braucht es wohl so ein schönes Cover, Lichtblicke.
    Liebe Grüße
    Nina

  • mano 8. Juli 2020 at 13:27

    das hört sich äußerst interessant an. in deutschland wurden ja noch in den 1960er jahren frauen in die „nervenheilanstalten“ eingewiesen, weil sie sich nicht der norm entsprechend verhielten. wir waren lange mit einer frau befreundet, die dann anfang der 1970er jahre durch zivildienstleistende in einer solchen klinik und die damals aufkommende diskussion um diese häuser wieder bis zu ihrem tod in freiheit leben konnte. ich bin bis heute traurig, dass ich es nicht geschafft habe, ihre lebensgeschichte aufzuschreiben. somit sind „die tanzenden“besonders lesenwert für mich.
    liebe grüße
    mano
    mano

  • Nicole/Frau Frieda 9. Juli 2020 at 15:03

    Puh.. da wird einem ja schon bei dem Gedanken ganz anders. Was damals mit den armen Frauen alles gemacht wurde.. eidergraus! Trotzdem – Danke für die Buchvorstellung 😉 Dir einen lieben Gruß, Nicole