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Rosanne Parry: „Als der Wolf den Wald verließ“ {Buchtipp}

11. Juni 2020

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

In Deutschland galten die Wölfe als ausgerottet. Erst im Jahr 2000 fiel dann hierzulande wieder der erste Wolfswurf in Freiheit. Seitdem erobern sich Wölfe in unserem Land wieder ihren Lebensraum und ziehen Welpen darin auf. Manche Menschen reagieren darauf mit Abwehr oder Ängsten.

Da kommt doch ein Kinderbuch wie dieses zur passenden Zeit, in dem die jungen Leser viel über die Wölfe, ihr Leben und Verhalten lernen können.

Rosanne Parry: „Als der Wolf den Wald verließ“

Dieses Kinderbuch für 8-12 Jährige der Amerikanerin Rosanne Parry basiert auf der wahren Geschichte eines Wolfs mit der Bezeichnung OR-7, der tausend Meilen durch den Pazifischen Nordwesten der USA gewandert ist.

Wir lernen den kleinen Wolfwelpen Flink kennen, als er und seine Geschwister noch in der Wurfhöhle liegen und sie noch nicht verlassen dürfen.  Interessiert schnüffelt der kleine Welpe nach dem Geruch, den die Wolfsmutter von draußen, aus der fremden Welt, in den Bau trägt.

Flinks Mutter prägt ihren Welpen früh ein, dass das Rudel zu den Bergen und die Berge zum Rudel gehören. Der Wolfsvater lehrt seinem jungen Nachwuchs Hirsche zu jagen, Stinktiere und Stachelschweine zu meiden und das Leben zu ehren, dass ihnen das Überleben ermöglicht. Flink ist nicht der stärkste Rüde des Wurfes, aber wie der Name schon sagt der schnellste und ausdauerndste.

Doch kaum ist Flink ein Jährling greift ein rivalisierendes Wolfsrudel seine Familie an, tötet und zerstreut die Rudelmitglieder. Dabei wird Flink von seinem Rudel getrennt. Nun setzen seine Überlebensinstinkte ein.

Auf sich allein gestellt

Allein und trauernd über den Verlust verlässt Flink sehr widerstrebend seine bergige Heimat. Der junge Wolfsrüde beginnt eine einsame, gefährliche Wanderung über eine weite Distanz, um eine neue Heimat zu finden. Fremdartige Gebiete wie Prärien, Schluchten und wüste Gegenden müssen durchquert werden. Flink wird verletzt und stirbt fast an seinen Verletzungen. Aber das Bedürfnis zu rennen, jagen und zu überleben treibt ihn weiter. Es ist eine Routine von Laufen, Fressen, Rasten die ihn weiterträgt.  Dabei begegnet der junge Wolf vielen gefahrvollen Situationen:  Hunger, Durst, Verfolgung durch Menschen mit Waffen, Wildpferden, großen Hirschen, einem Puma und einem Buschfeuer. Während er seinen Weg durch all diese Unbilden sucht, erinnert er sich an alles, was er von seinen Eltern gelernt hat und setzt dies in die Praxis um.

Als Wolfswelpe hatte er sich niemals vorstellen können, dass die Welt da draußen so unermesslich groß und er darin so einsam sein würde. Denn seine Hoffnungen, seine Familie wiederzufinden, sind vergeblich. Schließlich erreicht er eine Berglandschaft und beschließt, sich dort niederzulassen. Auf seinem langen Weg ist er erwachsen geworden und gibt sich nun einen neuen Namen: „Wanderer“.

Fazit

„A Wolf called Wander“, so lautet der amerikanische Original-Titel dieses wunderbaren Kinder- und Jugendbuches, der mir viel treffender erscheint, als der etwas lahme deutsche Titel.

Die Geschichte wird aus der Sicht dieses jungen Wolfes erzählt. Da keine Menschen als Protagonisten erscheinen, fallen natürlich Dialoge weg. Doch an Spannung, Emotionen und bewegter Handlung mangelt es nicht. Das Aufwachsen der Welpen und die gefahrvolle Reise von Flink werden sehr realistisch geschildert.

Interessant fand ich die ersten sensorischen Wahrnehmungen des Welpen. Sehr detailreich wird von den unzähligen Gerüchen, Geräuschen, Geschmäckern, und Tasterfahrungen berichtet, die ein kleiner Wolfswelpe wahrnimmt. Die Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit des jungen Wolfslebens wird sehr gut nachvollziehbar.

Ein Kampf zwischen zwei Wolfsrudeln ist sehr selten, da Wölfe dies meist vermeiden. Für Flink ist dies aber ein Wendepunkt, da er ohne den Halt seines Rudelverbandes dasteht. Seine Sehnsucht nach sozialer Gemeinschaft, seine Verzweiflung und sein Überlebenswille sind sehr bewegend. Die Entwicklung zum erwachsenen Wolf ist auch für junge Leser sehr einprägsam dargestellt, die seine Reise bestimmt gebannt verfolgen. Die symbiotische Gemeinschaft mit einem Raben empfand auch ich als ein interessantes und liebenswertes Detail.

Der Erzählduktus ist ansprechend und atmosphärisch. Jede Seite des Buches ist wunderschön mit naturalistischen Schwarz-weiß-Zeichnungen der Spanierin Mónica Armiño  illustriert. Dadurch wird die Überlebensgeschichte noch eindrücklicher.

Den Abschluss des Buches bilden reichhaltige Informationen über Wölfe und ihr Habitat, einschließlich eines Fotos des Wolfes OR-7 aus Oregon, dessen Geschichte diesem Kinderbuch zugrunde liegt.

Mir hat diese zugleich mitfühlende wie auch fesselnde, abenteuerliche Entwicklungsgeschichte gut gefallen, da sie eine sehr emotionale Einführung in das Leben der Wölfe ist und auch viel über das Erwachsenwerden vermittelt. Die tierliebenden jungen LeserInnen werden gewiss begeistert sein.

Absolute Leseempfehlung! Für Kinder ab 8 Jahren.

Rosanne Parry:
Als der Wolf den Wald verließ

Illustriert von Mónica Armiño
Übersetzt von Petra Knese

Verlag Coppenrath

208 Seiten

 

1 Kommentar

  • Antworten nina. aka wippsteerts 11. Juni 2020 at 14:21

    Das möchte ich gerne lesen, sofort überzeugt. „The Wanderer“ klingt auch für mich viel besser und realistisch ist es ja auch, weiss man doch mitlerweile, wie unglaublich weit Wölfe wandern können. Ich hätte nie erwartet, dass ich in einem Landkreis wohne, in dem Wölfe nachgewiesen wurden. Ich dachte immer, sie würden vorher totgefahren. Angst habe ich keine, Respekt schon, den sollten wir nicht nur vorm Wolf haben. Damit sich das letztere durchsetzt, müssen viel mehr Menschen mehr über Wölfe erfahren.
    Danke Dir
    Liebe Grüße
    Nina

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