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Jasmin Schreiber: „Marianengraben“ {Buchtipp}

1. März 2020

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

Gleich zu Monatsbeginn habe ich eine interessante Leseempfehlung für Euch!

Als ich die ersten Seiten dieses Romans las, war ich mir nicht sicher, ob ich die Schwere ertragen könnte. Der Autorin gelang es sofort, das Gefühl der Trauer emotional stark zu vermitteln. Doch ehe sich die Leser*innen auch von einem Sog hinab ziehen lassen, fängt die Geschichte sie auf.

 

Jasmin Schreiber: Marianengraben

Paula, eine junge Meeresbiologin, dümpelt vor ihrer Doktorarbeit in dunklen Gewässern. Vor zwei Jahren ertrank ihr 10jähriger Bruder Tim im Urlaub mit den Eltern. Tim und Paula empfanden ihre geschwisterliche Verbindung als so intensiv und tief wie die die tiefste Stelle des Weltmeeres, der Marianengraben. Die junge Frau wird von Schuldgefühlen verfolgt, da sie an diesem Familienurlaub nicht teilgenommen hat. Die schwere Last der Trauer und Depression drückt sie nun in marianengraben-ähnliche Tiefen, 11 km unter den Meeresspiegel, hinab.

So in sich zurückgezogen traut sich Paula nur nachts, unbeobachtet von andere Menschen, ans Grab ihres Bruders – und trifft dort einen anderen Trauernden, der höchst unbefugt mit einer Schaufel auf dem Friedhof unterwegs ist. Und ehe sie sich versieht, klettert sie mit einem recht schrulligen alten Mann über Friedhofsmauern hinein in eine Art Roadmovie.

Paulas neue Begleitung, der über achtzigjährige eigenwillige Helmut, tut sich zwar ähnlich schwer mit anderen Menschen, ist dafür aber sehr direkt und harsch in seinen Reaktionen.

„Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“ (S. 96)

Die Reise, die die beiden nun antreten, ist oft skurril, bewegend, aber auch sehr lustig und heiter. Sie nimmt die Leser*innen mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt.

Paula ist die Ich-Erzählerin in diesem Roman und berichtet in sehr persönlichem Ton die Ereignisse ihrem verstorbenen Bruder Tim.

An den Kapitelüberschriften kann man ablesen, wie Paula ausgehend vom Level 11.000 (also 11.000 m unter dem Meeresspiegel) beginnt, auf der Reise mit Helmut ganz allmählich aufzutauchen. Dabei ist die Geschwindigkeit unterschiedlich und auch nicht ohne einen Rückschlag.

Die beiden Trauernden nerven sich, reiben sich aneinander auf, lernen viel voneinander, und bauen sich insgeheim aber auch auf, geben sich Kraft für den weiteren Weg.

Fazit:

Die Autorin Jasmin Schreiber bringt als Sterbe- und Trauerbegleiterin schon eine Menge an Fähigkeiten und Erfahrungen mit, sich an so schwierige Themen wie Trauer und Tod wagen zu können. Gerade die Verbindung von Tod, Depression und dann Skurrilität, Heiterkeit und Humor ist eine Gratwanderung, die sie in diesem Roman angeht und gut übersteht.

Mir gefällt die Idee, dass Paula mit jedem Kapitel zahlenmäßig erlebbar mehr aus dem Marianengraben Richtung Oberfläche wieder auftaucht. So wird der Ablauf des unterdrückten Trauerprozesses auch in der Form erlebbar. Dadurch, dass sie mit ihrem vertrauten, geliebten Bruder spricht, kann man ganz tief in ihr Innerstes schauen.

Zwei kleine Punkte haben mich persönlich etwas gestört. Mir kommen am Ende doch einfach zu viele Tode durch Ertrinken vor. Das wirkt dann irgendwann abgedroschen und mindert die Kraft der  Handlung. Auch die Steigerung in den Begräbnisgewohnheiten finde ich etwas übertrieben.

Ansonsten ein wirklich lesenswerter Roman, dem es gelingt ein schweres Thema auf neue Art anzugehen.

Eine Leseempfehlung!

 

Jasmin Schreiber:
Marinanengraben

Eichborn Verlag, Februar 2020
256 Seiten

  • Astridka 1. März 2020 at 8:29

    Das ist ja wohl mal eine originelle Auseinandersetzung mit dem Thema! Muss ich mir merken…
    Mir hat auch einmal ein Buch geholfen, über einen schlimmen Tod und meine Trauer hinwegzukommen. Gute Literatur vermag das wohl.
    Einen schönen Sonntag!
    Astrid

  • kleiner-staudengarten 1. März 2020 at 9:29

    Liebe Andrea,
    wohl ein berührendes Buch, das vielleicht vor einigen Jahren hilfreich gewesen wäre …obwohl ich glaube mit dem zeitlichen Abstand von heute könnte ich diese emotionale und „schwere Kost“ besser lesen.
    Danke für deinen Tipp, doch habe ich am Freitag beim Literaturabend und der Vorstellung von fünf Büchern wieder gemerkt, dass mich Krimis am intensivsten zu fesseln vermögen.
    Hab einen schönen Sonntag, Marita

  • Birgitt 1. März 2020 at 19:31

    …das klingt interessant, liebe Andrea,
    ich habe mir gleich mal eine Leseprobe runter geladen, dann vergesse ich es nicht, wenn ich nach einer neuen Lektüre suche,

    liebe Grüße Birgitt

  • nina aka wippsteerts. 2. März 2020 at 6:28

    Ja, Trauer kann sich nach so viel anfühlen und wie jeder andere mit seiner Trauer umgeht, ist schon auch schwierig. Ob ich da ein Buch drüber lesen möchte, weiss ich noch nicht, denn eins ist mir klar, der Verlust bleibt, es wird mit der Zeit etwas leichter. Und manchmal bricht dieses Gefühl auch wieder hervor, ausgelöst von einer Kleinigkeit und man könnte heulend in der Ecke sitzen. Aber Gefühle in einem Roadmovie zu verarbeiten, ist sicher nicht die schlechteste Art.
    Liebe Grüße
    Nina