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Maja Lunde: „Über die Grenze“ {Buchtipp}

10. September 2019

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

In den letzten beiden Jahren haben mich die Bücher von Maja Lunde über die Bienen und das Wasser begeistert. Deshalb war ich sehr neugierig auf das gerade erschienene Buch für jugendliche Leser über ein sehr schweres Thema. Ich wurde nicht enttäuscht

Mutig wie die Musketiere

Die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde  legt mit „Über die Grenze“ (im norwegischen Original „Over grensen“) ihr erstes Jugendbuch vor. Es beruht auf den Ereignissen während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Norwegen, als im Herbst 1942 Juden in KZs verschleppt wurden.

Die Geschichte setzt 1942 ein. Norwegen ist von Nazi-Deutschland besetzt. Nun werden auch Norweger jüdischen Glaubens deportiert.
Im Haushalt des Ärzteehepaares Wilhelmsen wundern sich  das Hausmädchen Klara und die Kinder, die zehnjährige Gerda und ihr 12jähriger Bruders Otto, darüber, dass immer wieder einige der eh schon knappen Lebensmittel verschwinden. Sie ahnen nicht, dass die Eltern im Keller heimlich zwei jüdische Kinder verstecken.
Plötzlich geht alles ganz schnell. Die Polizei der Besatzer durchsucht das Haus und verhaftet Gerdas und Ottos Eltern. Während die Polizei erfolglos das Haus auf den Kopf gestellt hatte, finden die Geschwister kurz darauf die beiden jüdischen Kinder Daniel und die kleine Sarah. Ihr Vater wartet auf sie hinter der rettenden Grenze zum neutralen Schweden. Doch wie sollen sie nun dorthin gelangen?

Die abenteuerlustige Gerda hat gerade „Die drei Musketiere“ gelesen. Ihr Bruder Otto ist eher der ängstlichere Typ, der alles lange abwägt, bevor er handelt. Doch die Zeit drängt, die Bedrohung ist groß. Für Gerda steht sofort fest, dass sie den beiden jüdischen Kindern zur Flucht nach Schweden verhelfen müssen. Was für ein Abenteuer, ein gefährlicheres, als sie sich überhaupt vorstellen kann! Denn es geht um Leben und Tod.

Auf dem Weg müssen sie überall mit Kontrollen rechnen. Ob die eigenen Landsleute, denen sie begegnen, Verräter oder potentielle Helfer sind, wird zur ständigen Frage. Nicht immer ist sich die kleine Kindergruppe einig, wie sie weiter vorgehen soll. Doch der Zusammenhalt trägt sie, bis sie auf Unterstützung stoßen.

Fazit

Maja Lunde greift in ihrem Kinderbuch ein grausames Kapitel der Zeitgeschichte auf. Da stellt sich die Frage, ob dies für Kinder ab 9 Jahren wirklich schon geeignet ist.

Wohltuend ist, dass die Kinder in der Geschichte tatsächlich Kinder bleiben dürfen. Sie geraten in Streit, sind mal trotzig, mal versöhnlich. Auch in gefahrvollen Zeiten können sie sich in ein Spiel vertiefen und toben. Die Kinder werden so glaubwürdig dargestellt wie Kinder in diesem Alter eben sind, mal leichtsinnig, fröhlich und keck, dann wieder ängstlich, besonnen und tapfer. Es gelingt ihnen, in der Gefahr über sich hinauszuwachsen wie ihre Vorbilder, die Musketiere.

Schnell kann man sich in die jungen Protagonisten einfühlen und mit ihnen Mut, Hilfsbereitschaft und das Einstehen für den anderen erleben.

Die Handlung ist extrem spannend und eindringlich. Immer wieder drohen die Kinder, in ihrem Vorhaben zu scheitern. Doch das positive Ende ist für die jungen Leser dieses Alters gut zu verarbeiten.

Maja Lunde verzichtet auf krasse Schwarz-weiß-Malerei. Es gibt auch Verräter unter den Landsleuten und gute Menschen unter den Besatzern. Dabei berichtet sie sachgerecht und beschönigt nichts.

Ich finde, dass auch eine so junge Leserschaft ein solches kindgerechtes Buch verarbeiten kann, ohne verängstigt zu werden. Allerdings würde ich als Erwachsener das Buch vorlesen oder das Lesen begleiten, um für Fragen der lesenden Kinder bereit zu stehen.

Ein wirklich gutes und auch wichtiges Buch für junge Menschen. Absolute Leseempfehlung!

 

Maja Lunde:

Über die Grenze

(Übersetzerin Regina Kehn)

Urachhaus Verlag, August 2019

192 Seiten
Empfohlen ab 9 Jahren

 

verlinkt bei „Buch des Monats“ (Karminrotes Lesezimmer)

  • Astridka 10. September 2019 at 9:59

    Hört sich gut an! Da ich immer auf der Suche nach Lesestoff für die Enkel bin, werde ich es mir merken.
    Danke dir und eine gute Woche!

    Astrid

  • ninakol. 10. September 2019 at 11:22

    ja, das hört sich gut an, auch wenn ich keinen mehr in dem Alter (9 Jahre, wohl nur für Kinder, die viel lesen, denke ich) habe
    aber ich lese auch gerne Bücher für Kinder und Jugendliche, ich finde sie oft sehr viel erfrischender geschrieben, als Bücher für Erwachsene
    Soweit ich weiß, kommt Maja Lunde als Autorin ursprünglich aus dem Kinder – und Jugendbuch
    da ist es schön, dass es hier nun auch ein kritisches Buch in Übersetzung gibt
    vor allen Dingen, wenn man erfährt, dass es die Deportation nicht nur in Deutschland gegeben hat (wer es noch nicht wissen sollte – das sind sicher gar nicht so wenige)
    Liebe Grüsse
    Nina

  • verfuchstundzugenäht 10. September 2019 at 18:44

    Oh! Der Empfehlung muss ich unbedingt folgen. Neune und unbegleitet klingt tatsächlich nicht recht passend. Aber die Verlage sind in der Altersangabe oft recht kreativ. Danke, das besorg ich mir!

  • Claudia 11. September 2019 at 6:24

    Liebe Andrea,
    das scheint ein wirklich tll gemachtes Buch zu sein, herzlichen Dank für die tolle Beschreibung und Vorstellung! Das könnte was für meine Nichte sein :O)
    Ich wünsche Dir einen wunderschönen und freundlichen Wochenteiler!
    ♥️ Allerliebste Grüße, Claudia ♥️

  • Friederike 14. September 2019 at 16:35

    Gänsehautfeeling… ich besorge mir das Buch sofort, danke dir