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Colson Whitehead: „Die Nickel Boys“ {Buchtipp}

16. Juni 2019

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

Was für ein ergreifendes Buch!

Colson Whiteheads preisgekrönter Roman „Underground Railroad“ über eine junge farbige Frau, die der Sklaverei auf einer Plantage in den Südstaaten entkommt und nach Norden flieht, hatte mich sehr begeistert (hier meine Rezension vor zwei Jahren). Deshalb blickte ich seinem neuen Buch sehr gespannt entgegen.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys

Im Jahr 2014 wird auf dem ehemaligen Gelände der ‚Arthur G. Dozier School for Boys‘,  die über ein Jahrhundert lang jugendliche Straftäter wieder auf ein Leben in der Gesellschaft vorbereiten sollte, die dunkle Vergangenheit dieser Einrichtung offenbar. Bei archäologische Grabungen stellt sich heraus, dass die Anstalt nicht nur einen offiziellen Friedhof besaß, sondern auch einen Ort, wo eine große Zahl Leichen früherer Schüler heimlich verscharrt wurden. Die Funde weisen auf verdächtige Todesursachen hin. Jahrzehntelang war Hinweisen überlebender Schüler auf die praktizierten Grausamkeiten kein Glauben geschenkt worden. So wurden die Schuldigen nie bestraft.

Whitehead erfährt davon, greift diese erschreckenden Erkenntnisse auf und verarbeitet die Geschichte dieser „Schule“ in seinem Buch. Wieder sind Rassendiskriminierung und Rassismus seine Themen. Denn obwohl weiße als auch farbige Jugendliche – räumlich getrennt voneinander – in die Anstalt eingewiesen werden, erwartet sie doch ein anderes Schicksal.

Inhalt

Der sechzehnjährige farbige Jugendliche Elwood Curtis ist in den sechziger Jahren bei seiner Großmutter in Florida aufgewachsen. Es ist die Zeit, in der sich Menschen im ganzen Land endlich gegen die strenge Rassentrennung und die Rassengesetze auflehnen. Elwood verfolgt die Unruhen aufmerksam und hoffnungsvoll. Er begeistert sich sehr für die Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King Jr.

Strebsam, angepasst und freundlich hat er sich ein Stipendium für ein College für Farbige erarbeitet. Die Zukunft sieht also vielversprechend aus. Doch auf dem Weg ins College steigt er beim Trampen ahnungslos zu einem Autodieb in ein gestohlenes Fahrzeug, das prompt von der Polizei kontrolliert wird.

Als farbiger Junge hat er bei Polizei und Justiz trotz seiner Unschuld schlechte Karten und wird zu einem Aufenthalt in einer Art Besserungsanstalt verurteilt. Der erste Anschein der „Nickel Akademie“ lässt Elwood hoffen, denn statt Gefängnismauern zeigt sich ein Gelände ohne Zäune und gepflegte Anlagen. Diese Einrichtung gibt sich fortschrittlich und verspricht physisches, intellektuelles und moralisches Training für die jungen Straftäter.

Ihm war aufgefallen, dass es in Horror-Comics zwei Arten von Bestrafung gab – entweder die absolut unverdiente oder die grässliche Sühne für die Unholde. Er ordnete sein jetziges Unglück in die erste Kategorie ein und wartete darauf, endlich umblättern zu können. (S. 80)

Doch bald stellt sich dies als Irrtum heraus, als Elwood persönlich mit dem Horror  und den Schrecken konfrontiert wird. Zuvor hat er schon bemerken müssen, dass die schulische Ausbildung nur auf dem Papier besteht. Die Ernährung und Kleidung der Insassen ist mangelhaft, weil die staatlichen Zuwendungen von der Schulleitung auf dem Schwarzmarkt verhökert werden. Schließlich erfährt auch er qualvoll, wie im abgelegenen „Weißen Haus“ heimlich und grausam das „Gesetz“ ausgeführt wird.

Während in dieser Anstalt die farbigen Jugendlichen von gefühllosen und korrupten Mitarbeitern geschlagen, gefoltert und sexuell missbraucht werden, nimmt sich Elwood die Botschaft seines Idols Martin Luther King Jr. zum Vorbild. Er versucht dem Hass und der Ungerechtigkeit mit Liebe zu begegnen. Und das in einem Alltag, der von Willkür, Macht, Angst und Repressionen geprägt ist.

Schon am zweiten Tag lernt er seinen neuen Freund Turner, ein Straßenkind und Waisen kennen. Der zynische Turner hält Elwoods Idealismus für hoffnungslos naiv. Ihre unterschiedlichen Sichtweisen treiben die Handlung voran und führen letztendlich zu einer folgenschweren Entscheidung.

Das Nickel war eine rassistische Hölle – die Hälfte des Personals schlüpfte am Wochenende sicher in die Kluft des Ku-Klux-Klans – doch Turner fand, dass das Böse tiefere Ursachen hatte als die Hautfarbe.  Spencer war das Böse, und Griff war das Böse und ebenso alle Eltern, die ihre Kinder hier stranden ließen. Das Böse waren die Leute. (S. 113)

Die Zeit in dieser Anstalt hinterlässt unter den Überlebenden gebrochene Menschen. Der erwachsene Elwood erzählt in der Gegenwart, wie seine schlimmen Erlebnisse sein Leben weiterhin geprägt haben. Doch nach den Enthüllungen rund um die dunkle Vergangenheit der ehemaligen Anstalt  ist endlich Gelegenheit zu reden.

Er hatte die Anstalt vor zig Jahren verlassen, verbrachte aber bis heute täglich Zeit damit, die Sitten normaler Menschen zu dechiffrieren. Jener Leute, die eine glückliche Kindheit gehabt, drei Mahlzeiten pro Tag und einen Gutenachtkuss bekommen hatten, jene, die nicht von Weißen Häusern, Lover’s Lanes und weißen County-Richtern ahnten, die einen zur Hölle verdammten. (S. 198)

Fazit

Whitehead blickt auf ein sehr schmerzvolles Kapitel der amerikanischen Geschichte zurück, das tiefe Wunden hinterlassen hat. Dass das Schweigen und Wegschauen, wie auch die Wurzeln des Rassismus bis heute weiterleben, zeigt allein schon die zugrunde liegende Geschichte. Was musste erst alles geschehen, damit den Überlebenden Glauben geschenkt, bis der schöne Schein hinterfragt wurde?

Keine Frage, dass man sich sofort mit dem sympathischen Elwood identifiziert. Die Erzählweise des Autors ist bei aller Grausamkeit vor Ort sehr realistisch und nüchtern. Gerade dieser nüchterne, sachliche Stil macht den Inhalt noch erschreckender. Wirklich brilliant!

Die vollkommen unerwartete Wendung gegen Ende des Romans bewirkt, dass die Geschichte für die Lesenden noch emotional berührender und bewegender wird. Mir ist die Handlung noch lange nachgegangen.

Absolute Leseempfehlung!

Colson Whitehead:
Die Nickel Boys

Übersetzer: Henning Ahrens
Carl Hanser Verlag, Juni 2019

224 Seiten

verlinkt beim Buch des Monats (Karminrotes Lesezimmer)

  • Ein Garten in der Steiermark 16. Juni 2019 at 8:38

    Vielen Dank für den tollen Buchtipp – es hört sich sehr spannend an. Genau richtig für einen Leseabend… LG

  • Astridka 16. Juni 2019 at 9:55

    Das glaube ich dir nur zu gerne! Momentan würde mir der Mut und die Kraft fehlen, ein solches Buch mit solchen Themen zu lesen… Nichtsdestotrotz finde ich es nicht überflüssig, ganz im Gegenteil, denn die Abgründe im Menschen brechen sich ja immer wieder Bahn, im Einzelnen, in Gruppen & Organisationen wie in ganzen Gesellschaften. Moral ist ja mal wieder ein Schimpfwort geworden.
    Einen schönen Sonntag!
    Astrid

  • ninakol. 16. Juni 2019 at 21:54

    Oh, sein letztes Buch hat mich schon sehr bewegt.
    Ich bin sehr gespannt, bzw neugierig
    Danke für Deine Rezension, dieser neue Titel war noch an mir vorbei gegangen. Meine Liste wächst gerade…
    Liebe Grüße
    Nina

  • mano 17. Juni 2019 at 13:55

    ich danke auch, weiß aber nicht, ob ich dieses buch zur zeit lesen möchte. mir gehen solche themen immer so sehr, sehr nahe.
    liebe grüße
    mano

  • Andrea Karminrot 18. Juni 2019 at 8:32

    Du liest einfach tolle Bücher. Ich habe das Buch schon bei meinem Buchdealer liegen sehen, habe es aber nicht in die Hand genommen. Jetzt werde ich es lesen müssen. Deine Rezensionen sind immer der Hammer!
    Danke, dass du immer so fleißig bei meiner Buchparty mitmachst.
    Lieben Gruß
    Andrea