Bücher

Judith Visser: „Mein Leben als Sonntagskind“ {Buchtipp}

7. Mai 2019

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

Mein Lieblingsbuch des Monats habe ich bereits in den ersten Maitagen gefunden. Der Roman der Niederländerin Judith Visser über das Erwachsenwerden mit Autismus hat mich sehr berührt und gefesselt. Durch die 600 Seiten bin ich schier geflogen und war traurig, als ich mich am Ende von der Ich-Erzählerin Jasmijn trennen musste.

Judith Visser: Mein Leben als Sonntagskind

In Rotterdam wächst die Jasmijn zusammen mit ihrem älteren Bruder Emiel behütet bei ihren Eltern auf.
Mit vier Jahren beginnt in den Niederlanden die Schulpflicht, doch für die kleine Jasmijn ist ihre fröhliche, bunte, laute Gruppe in der Vorschule ein Albtraum. Sie kann schon seit dem dritten Lebensjahr lesen und ist rasch intellektuell unterfordert.

Keiner weiß, dass sie ihre Umwelt viel intensiver wahrnimmt. Der Lärm, das grelle Licht, die bunten Farben, die ständige Unruhe und das vermeintliche Chaos um sie herum sind für Jasmijn kaum zu ertragen. Am liebsten zieht sich Jasmijn zurück, um sich allein an einem ruhigen in ihre Bücher zu vertiefen.

Bald reagiert sie mit heftigen Migräneattacken, wenn die Eindrücke von außen sie zu stark überfordern.

Wir alle hatten zwei Ohren und nur einen einzigen Mund, aber die Stimmen in der Schule schienen entschlossen, dieses schiefe Verhältnis gerade zu rücken. Rufe, Geschrei, schallendes Gelächter flogen durch den Raum, hallten von den Wänden wider, vibrierten in der Luft und schlugen mir ins Gesicht. (S. 262)

Ihre Lehrer und Mitschüler verstehen nicht, warum Jasmijns nicht antwortet. Denn sie  redet nicht mit anderen Menschen, sondern nur mit den Eltern, dem älteren Bruder Emiel, einem Großelternpaar und der geliebten Hündin Senta, ihrer besten Freundin. Im Kontakt mit fremden Menschen verharren die Worte in ihrem Kopf und schaffen nicht den Weg hinaus.

Die Gefühle und die Mimik der anderen Menschen sind ihr ein Buch mit sieben Siegeln. Den gesellschaftlichen Erwartungen an sie kann sie nicht entsprechen.

Dass Jasmijn unter vom Asperger Syndrom, einer Form des Autismus, betroffen ist, wird sie erst im frühen Erwachsenenalter erfahren. Sie wächst in den 80er und 90er Jahren auf, in denen noch wenig über Formen des Autismus bekannt ist.

Ihre Eltern erklären ihr Verhalten damit, dass „sie nun einfach so ist…“  und die Migräne liege halt in der Familie. Problemen entziehen sie sich schnell.

„Ach, so schlimm wird’s schon nicht werden.“ … Wenn man an etwas nicht dachte, dann existierte es nicht. (S. 525)

Auch keine der Schulen hakt nach. Man lässt ihr große Freiräume, sucht aber nicht nach Ursachen oder Hilfestellungen.

Schon kleine Probleme können Jasmijn aus der Bahn werfen, wie das geliebte Pony im Reitstall, das plötzlich einmal nicht wie gewohnt in seiner Box auf sie wartet.

Und wenn Erwartung und Realität kollidierten, war der Schlag zu heftig, dann riss etwas in meinem Gehirn. Ich musste selbst bestimmen können, wie die Dinge abliefen und wann sie sich veränderten, damit ich wusste, woran ich war. (S. 120)

Jasmijn will immer die Fäden in der Hand behalten, keine Veränderung im Muster, weil sonst „alle Fäden , die sie in der Hand hat, reißen würden“ (S. 440)

In ihrem Tagebuch jedoch träumt Jasmijn sich als die „normale Jasmijn“: kontaktfreudig und beliebt, der die Welt offen steht. Doch die „richtige Jasmijn“ schafft meist nicht das, was die „normale Jasmijn“ kann.

Ihre ganze Liebe schenkt sie ihrer Hündin Senta und irgendwann Elvis Presley auf dem Poster in ihrem Zimmer. Sie hören zu und erwarten weder Antworten noch ein besonderes Verhalten.

Im Laufe der Jahre entwickelt Jasmijin Möglichkeiten und Strategien, um sich selber zu schützen. Allerdings isolieren ihre Lösungen sie sozial noch mehr. Nur einer Mitschülerin gelingt es mit viel persönlichem Engagement und liebevollem Einfühlungsvermögen eine freundschaftliches Verhältnis zu ihr aufzubauen.

Mein Fazit

Jasmijn Vink, J.V., das sind auch die Initialen der Autor Judith Visser, der es gelingt, einen wunderbar berührenden autobiographischen Roman zu schreiben. Als LeserIn erlebt man hautnah wie Jasmijns denkt, fühlt und handelt, und sieht mit ihren Augen die Reaktionen ihres Umfelds.

Für mich wurde so eindrücklich klar, wie ein Mensch mit Asperger Syndrom seine Umwelt wahrnimmt. Die Überforderungen z.B. durch Geräusche, Licht, Farben, Menschen, sind sehr bildhaft geschildert.

Jasmijns Geschichte und ihre Entwicklung, in der sie immer mutiger wird, um sich in die Welt hinein zu wagen, ist ungemein spannend. Neugierig habe ich ihre Entwicklungsschritte verfolgt, die immer authentisch wirken.

Sehr bewegt hat mich das Engagement von Jasmijns Freundin Kirstin, die sich mühevoll ihr Vertrauen erarbeitet. Jeder Schritt in eine kleine Selbstständigkeit ist auch für den Leser eine große Freude, denn rasch fiebert man mit der liebenswerten Protagonistin mit.

Die Erzählweise empfand ich als ungemein fesselnd, so dass ich das Buch schier verschlungen habe.

Absolute Leseempfehlung!!!

 

Judith Visser:
Mein Leben als Sonntagskind

Harper Collins, Mai 2019

608 Seiten

 

verlinkt bei „Mein Buch des Monats“ im karminroten Lesezimmer von Andrea

  • eva 7. Mai 2019 at 6:52

    Liebe Andrea, i
    ich habe es neulich bei den 5 Fragen Jemanden schon geschrieben. Früher in den 50er oder 60er Jahren war das ein Thema, das gar nicht existierte. Ich hatte eine Freundin in der Grundschule, die so abweisend war, schwer Kontakt fand und in ihrer eigenen Welt lebte. Ich konnte mit ihr umgehen, aber sie kam in der Grundschule leider nicht mit. Diese Kinder hat man damals in die Sonderschule (damals (Hilfsschule) gebacht.
    Hilfsschule, damals ein Makel, man hat sie auf der Straße abgepasst, ihren Schulranzen ausgeleert und die Schulbücher, die den Stempel Lehenschule (Hifsschule) trugen, herumgezeigt. Verlacht, bis endlich sich ein Lehrer ihrer angenommen und sie gefördert hat, die Eltern waren damals hilflos und froh so einen Lehrer zu haben, er hatte es wohl erkannt. Dazu wäre aber auch zusagen, dass nach dem Kriege – so denke ich – die Sonderschullehrer und Lehrer auch eine sog. „Schnellbleiche“ hatten.
    In den 50ern, 60ern und auch 70ern ein Thema, das einfach unter den Tisch gekehrt wurde. Begriffe wie Legasthenie oder Dyskalkulie waren kein Thema. Ebensowenig, wie ADHS usw.

    Dankeschön für diese Buchempfehlung.
    Lieben Gruß Eva

  • nic 7. Mai 2019 at 9:07

    Liebe Andrea, ich habe eine Frau im Rentenalter eine Zeitlang in einem Computerkurs begleitet. Sandra entdeckte eines Tages so einen autobiografischen Artikel online und es wurde ihr plötzlich klar warum sie so ist wie sie ist: „That’s me! All of that, that’s me. I’m the same. Is this what I have got?“ Viele wissen selbst im Rentenalter noch nicht daß ihre sozialen Schwierigkeiten einen diagnostizierbaren Grund haben…♥nic

  • Astridka 7. Mai 2019 at 12:56

    Ich habe die Chance gehabt, immer wieder Menschen mit diesen Charakterzügen kennen und schätzen zu lernen, auch in der Blogosphäre, und ich wehre mich dagegen, dass solche Eigenschaften & Fähigkeiten pathologisiert werden – das bringt nämlich Ausgrenzung und Diffamierung, woran bestimmte Kreise ein Interesse haben, und Verdienstmöglichkeiten für die Gesundheitsindustrie, die ja unsere Politiker gut im Griff haben.
    Es liegt am mangelnden Interesse, Einfühlungsvermögen & Bereitschaft der Gemeinschaft, Eigenheiten hinzunehmen und passend darauf einzugehen. Ich finde diese menschen extrem anregend.
    Gut, dass jetzt immer wieder die Geschichten von /über Autisten erzählt werden ( die von Birger Sellin 1993 war damals eine Offenbarung und hat zumindest geholfen, die Nöte, auch der Eltern, eines so besonderen Kind zu sehen ).
    Aber ich habe auch meine Zweifel, solange auch immer wieder solche – längst widerlegten – Forschungsergebnisse, Impfungen verursachen Autismus, kursieren.
    Danke für deine engagierte Rezension!
    GLG
    Astrid

  • Anja 7. Mai 2019 at 13:03

    Liebe Andrea, ich lese immer wieder gern deine Buchempfehlungen. Die heutige finde ich besonders interessant. Ich liebe es, Lebensgeschichten zu lesen, besonders von Frauen. Ein Leben mit unerkanntem Asperger Syndrom stelle ich mir äußerst kompliziert vor. Das Buch kommt unbedingt auf meine Leseliste. Liebe Grüße, Anja

  • ninakol. 7. Mai 2019 at 21:00

    Es gibt mehr Menschen in unserer Umgebung, die Autismus oder Asberger haben, als wir denken. In einer bekannten Sitcom sorgt ein intelligenter Autist für Lacher. Im realen Leben werden sie Gott sei Dank immer mehr in unser Leben integriert. Zumindest die Menschen, die nicht so starke Symptome zeigen. Es sind oft Menschen mit besonderen Stärken und auch Defiziten. Und es ist für beide Seiten nicht immer ganz einfach, sehr viel Unkenntnisse…
    Ich werde zusehen, dass ich in Dein Mai Lieblingsbuch mal herein zu schauen 😃.
    Liebe Grüße
    Nina

  • ninakol. 7. Mai 2019 at 21:04

    Ups, da hat sich ein wichtiger Satz rausgeschlichen.
    Stärken und Defiziten wie wir sie alle haben!
    LG
    Nina

  • Karin Be 7. Mai 2019 at 21:29

    Das könnte wieder ein Buch sein, dass ich lesen kann, allein schon weil ich es möchte. Da kann mich die Leseblockade einfach mal, (hoffentlich). Asperger steckt in meiner Familie.
    Mit Sonntagskindern habe ich meine eigenen Erfahrungen. Als mein großes Sonntagskind, geboren mit einer Speiseröhrenfehlbildung, in die Schule kam waren sie und ich froh über einen tollen Grundschullehrer. Er ermöglichte ihr und einer Klassenkameradin die Ruhezonen und Freiräume, die sie benötigten. Mein zweites Sonntagskind, zwar gesund geboren, hatte weniger Glück mit seinen Lehrern. Richtig zufrieden war es über Jahre nur, wenn es sich zuhause oder vor der Tür in seine Experimente und Bauvorhaben vertiefen konnte.
    Das erste Buchzitat von S. 262 kann ich von Herzen nachempfinden.
    Danke für den Tipp. Ich bin gespannt!
    Viele Grüße,
    Karin

  • Pia 7. Mai 2019 at 22:13

    Ich weiss über was du gelesen hast, meine Tochter hat ihre Master Thesis über Autismus geschrieben und bildet sich laufend weiter und besetzt einen Lehrstuhl. So bekomme ich viel mit über ihr schaffen und darf auch immer ihre Arbeiten Korrektur lesen. Sicher ein sehr interessantes Buch.
    L G Pia

  • Eclectic Hamilton 8. Mai 2019 at 18:43

    Danke für die tolle Vorstellung! Kommt sofort auf meine Bücherliste. Ich finde das Cover auch wunderschön und sehr ansprechend!
    GLG Ines