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Domenico Dara: „Der Postbote von Girifalco“ {Bücher}

17. April 2019

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexamplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

Der gerade in Deutschland erschienene Debütroman des Italieners Domenico Dara fügt sich perfekt in mein Monatsmotto „Zeit und Zeiten“ ein. Denn irgendwie ein bisschen aus der Zeit gefallen, scheint die beschriebene Gegend im Süden Italiens. So ein Gespräch zwischen zwei Pöstlern benachbarter Orte:

„Verteilen Sie die Post auch nachmittags?“
„In San Floro gibt es keinen Unterschied zwischen Morgen und Nachmittag, zwischen Freitag und Sonntag. Hier ist die Zeit immer dieselbe.“ (S. 217)

Domenico Dara: Der Postbote von Girifalco
oder Eine kurze Geschichte über den Zufall

Der Roman führt uns zurück in die späten 1960iger Jahre in ein kleines verschlafenes Dorf im süditalienischen Kalabrien. Das Dörfchen Girifalco ist nicht fiktiv, sondern existiert tatsächlich: es ist der Heimatort des Autors.

Der kauzige Postbote des Ortes führt als Protagonist durch die Geschichte. Mit seinem Namen wird er nie bezeichnet, dieser erschließt sich erst im Laufe des Buches.
Eigentlich ist sein berufliches Verhalten strafbar und nicht zu entschuldigen, denn er öffnet und liest heimlich so gut wie alle Briefe, die er auszutragen hat. Aufwändig kopiert und archiviert er die Post und stellt sie sorgfältig wieder verschlossen ihren Empfängern zu.

Doch irgendwie kann man ihm nicht wirklich böse sein. Denn es ist sein tiefes, fast philosophisches Interesse für die Gefühle und Träume der Schreiber, für das Leben, das sich in den Briefen offenbart. Seine große Einfühlsamkeit und sein Mitgefühl treiben ihn auch immer wieder zu aktivem Eingreifen.

Hin und wieder nämlich schreibt er Briefe um, und überreicht diese den Empfängern und nicht die Originale. So versucht er Dingen, die drohen schief zu laufen, eine andere, möglichst richtige Richtung zu geben. Egal, ob es sich nun um Liebesdinge oder niederträchtige politische Machenschaften von korrupten Bürgermeistern handelt. Ja, er entwirft sogar Briefe, die es gar nicht gibt, um eine Mutter zu trösten, die ihren im Ausland arbeitenden Sohn vermisst.

„Wie jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand nahm auch der Postbote die Verdrehtheit der Welt nicht einfach hin, aber im Gegensatz zu anderen konnte er Schicksale verändern und dafür sorgen, dass die Dinge sich nach seinem Gutdünken entwickelten. Verschweigen nicht auch Ärzte ihren Patienten, dass ihre Krankheit tödlich ist, um ihnen noch eine unbeschwerte Zeit zu gewähren?“ (S. 262)

Eine weitere Leidenschaft des Postboten ist die Erforschung von Zufällen, von denen er eine nummerierte Liste führt. Wie sie sich auf das menschliche Schicksal auswirken, möchte er gerne wissen. Dafür entwickelt er gar eine „Theorie des Zufalls“.

„ […] denn jeder Zufall trägt naturgemäß eine tiefere Bedeutung in sich. Und sollte sich letztlich herausstellen, dass es diese Bedeutung doch nicht gab, so haftete dem Zufall in den Augen des Postboten dennoch eine eigene natürliche Schönheit an“ (S. 294)

Als er eines Tages spezielle Liebesbriefe auszutragen hat, führen ihn diese zu einem früheren Verbrechen und zu einer unglücklichen Liebesgeschichte, die seiner eigenen sehr ähnelt.

Fazit

Der Debütroman von Domenico Dara wurde in Italien sehr positiv aufgenommen und mit einigen Preisen prämiert.

Der Autor erzählt in einem sehr poetischen Ton. Die Sprache ist anspruchsvoll, aber nicht schwierig. Man hört die Lust am Fabulieren heraus. Die Schilderung des Lebens und die Schwere des Schicksals in dem abgelegenen Dorf in Süditalien liest sich sehr authentisch.

Konzentration ist allerdings gefragt, denn der Handlungsfaden, der durch die Geschichte führt, scheint nur sehr dünn. Die Episoden, die wie an einem Perlenstrang nebeneinander aufgefädelt werden, werden von einer großen Vielzahl von Dorfbewohner bevölkert. Doch irgendwie fehlt ihnen ein bisschen der handlungstragende Zusammenhang.

Wer einen spannenden Handlungsbogen sucht, wird hier nicht fündig. Mit ein bisschen Geduld und Interesse für philosophische Gedankengänge kann man in dem Buch in die Vergangenheit Süditaliens abtauchen. Freunde und Freundinnen italienischer Erzählkunst finden eine ausgewogene Mischung aus Melancholie und einem augenzwinkernden, etwas schrägen Humor.

 

Domenico Dara:
Der Postbote von Girifalco
oder
Eine kurze Geschichte über den Zufall

Übersetzerin: Anja Mehrmann
Verlag Kiepenheuer & Witsch, April 2019
480 Seiten

  • Astridka 17. April 2019 at 9:26

    Das klingt fantastisch im ursprünglichen Sinne des Wortes und vorgestellt habe ich mir den Herrn Schwing meines kindlichen Dorfes, der auch so viel mehr war als ein Postbote…
    Toll deine Fotos!
    Lg
    Astrid

  • Pia 17. April 2019 at 19:54

    Wenn ich deine gut geschriebene Rezension lese, müsste man das Buch zügig vorwärts lesen um nicht den Zusammenhang zu verlieren. Mit deinen Fotos gibst du dem Buch einen Mystischen Rahmen.
    L G Pia

  • Ein Garten in der Steiermark 18. April 2019 at 2:19

    Ein tolles Buch – Danke fürs Vorstellen ☺ Ich lese es auf jeden Fall…

  • Claudia 18. April 2019 at 6:59

    Liebe Andrea,
    das klingt nach einem wunderbaren Roman, danke fürs vorstellen :O)
    Hab einen schönen Tag und ein zauberhaftes Osterfest🐇!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥