Bücher

Daniela Meisel: Wovon Schwalben träumen {Bücher}

21. November 2018
(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum dem Buch behalte ich mir vor.)

Wie Ihr wisst, habe ich mir vorgenommen im November hauptsächlich Bücher von oder über Frauen zu lesen. Hier ist wieder ein Roman, den ich Euch etwas näher vorstellen möchte. Familien- und Zeitgeschichte werden miteinander verwoben – mutige, starke Frauen von gestern, können heutigen Töchtern und Enkelinnen als Vorbild dienen.

Vom starken Mädchen Freda

Den Heiratsantrag ihres Freundes, einem um 20 Jahre älteren Professor aus sehr gutem Hause, lässt die Erzählerin Marie unbeantwortet. Anstatt glücklich ja zu sagen, zieht sie sich in die Wohnung ihrer Großmutter zurück, die vor einem Jahr verstorben ist. Alles in der Wohnung erinnert noch an sie. Auf der Suche nach sich selbst und dem Weg, den sie gehen will, lässt Marie die Geschichte ihrer Großmutter auf sich wirken.

„Großmutter war die freieste Frau der Familie. Lachte sie, sprühten die Fältchen. In ihre Haut gebrannt die Hitze der Sommer.“

Großmutter Freda wurde im ländlichen Österreich, im katholischen Waldviertel, als uneheliches Kind einer Gastwirtstochter und eines Grafensohnes geboren. Somit begann sie ihr Leben schon in einer Außenseiterposition. Die Mutter bleibt im elterlichen Haus, putzt sich gern heraus und träumt davon, dass Fredas launenhafter Vater sich entschließt, sie zu heiraten. Der ist über die Geburt einer Tochter wenig erfreut. In den Folgejahren wird er immer wieder durch unsinnige Mutproben und gefährliche Situationen versuchen, Freda wie einen „Bengel“ zu formen. Da ihm seine Freiheit über alles geht, gibt es lange Zeiten der väterlichen Abwesenheit.

Freda wächst in die 30iger Jahre hinein, die 1938 in den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich münden. Diese Stimmung und Ereignisse prägen ihre Kindheit und Jugend.
Aus den lieblosen und düsteren Lebensumständen flieht das Kind immer wieder in die Natur und zu den Tieren. Sie ertrotzt sich ihre Unangepasstheit

In dem gleichaltrigen jüdischen Jungen Benjamin findet Freda einen Seelenverwandten,  der ebenfalls ein Außenseiter im dörflichen Umfeld ist. Gemeinsam streifen sie durch die Natur, die sie liebevoll erleben und beobachten. In diesem Umfeld kann Freda der Launenhaftigkeit des Vaters, den mobbenden Mitschülern und der Enge der familiären Umstände entgehen. Das starke und eigenwillige Mädchen hat schon sehr früh ihre eigenen Vorstellungen davon, wie und wer sie sein möchte. Ihre Freiheit und Unabhängigkeit ist ihr dabei besonders wichtig.

Die persönliche Katastrophe Fredas tritt mit dem Anschluss und den darauf folgenden politischen Ereignissen ein. Benjamin und seine Familie verschwinden spurlos, wie auch andere jüdische Bewohner. Was für eine furchtbare Zeit, um dem Erwachsenwerden entgegen zu gehen.

Fazit

Es ist spannend, zusammen mit der Erzählerin zu erleben, wie die Großmutter zu der erwachsenen Frau wurde, die selbstbewusst, selbstbestimmt und unangepasst ihren Lebensweg ging. Großmutter Freda und Enkelin Marie geht es beiden um die Befreiung von den überkommenen Traditionen, festgelegten Geschlechterrollen und der Loslösung aus der sozialen Herkunft. Marie versucht, aus dem Lebensweg der Vorfahrin Kraft für eine eigene Entscheidung zu schöpfen.

Das Erzähltempo ist langsam, die Sprache nimmt das Eigenwillige und Besondere an Fredas Wesen auf, die sich auch nicht ihre Ecken und Kanten abschleifen lassen möchte.

Ein bisschen gestört hat mich die Darstellung von Maries Beziehung und ihrem Freund, da ist manches doch recht stereotyp geraten. Dafür hat die Lebensgeschichte von Freda entschädigt.

Leseempfehlung!

Daniela Meisel:
Wovon Schwalben träumen
Picus Verlag: Wien 2018

228 Seiten

 

5 Kommentare

  • Antworten eva 21. November 2018 at 6:18

    Guten Morgen Andrea,
    ich bin heute in Sachen Bücher unterwegs und werde mir das Buch, das sicherlich auch ausgestellt sein wird, ansehen.
    Habe ich es überlesen oder nicht gelesen, ist das eine Autobiographie oder ein Roman. Mir widerstrebt ein wenig die Geschichte des reichen Grafensohnes und der Gastwirtstochter. Ich weiß, dass das früher ein Mangel war, wenn man unehelich geboren wurde usw.
    Aber ich werde es mir anschauen. Vielleicht weißt du, dass in Stuttgart die Büchermesse ist und dort werde ich mich mal umsehen.
    Hatte dich schon vermisst, aber wieder eine schöne Beschreibung von dir.

    Lieben Gruß Eva
    die vielleicht heute wieder ein Buch gewinnt.

  • Antworten mano 21. November 2018 at 6:30

    das hört sich gut an. ich war auch ein kind, dass sich immer (meist alleine) mit fernglas und vogelbestimmungsbuch in die natur zurückgezogen hat. allerdings in besseren zeiten als freda. ich möchte das buch lesen.
    liebe grüße
    mano

  • Antworten Astridka 21. November 2018 at 9:36

    Das fängt ja an wie mit einem Klischee… ( und doch ist so etwas real: ich lese gerade von einer Frau, die ein so viel älteren Professor geheiratet hat ). Danke fürs Vorstellen!
    Astrid

  • Antworten ninak. 21. November 2018 at 9:55

    Guten Morgen. Das hört sich gut an, da kann ich mich nur anschliessen. Ich beschäftige mich auch gerade mit Vorfahren, deren Leben so ganz anders war als meins, so viel mutiger und aufregender und manchmal auch so viel heftiger, nicht nur durch den Krieg.
    Liebe Grüsse
    Nina

  • Antworten Mandy 21. November 2018 at 19:28

    Wunderbar. Vielen Dank für diese Buchempfehlung. Ich bin gerne in der Vergangenheit bzw in längst vergangenen Zeiten unterwegs. Vielen Dank für den Tipp, würde mir mit Sicherheit auch sehr gut gefallen.
    Übers Jahr komme ich nicht recht viel zum lesen, außer im Urlaub. Ansonsten sitze viel an der Nähmaschine, oft bis nachts, oder häkel und kann einfach nicht aufhören, habe außerdem oft Spätdienst, da fallen mir die Augen zu kaum das ich ins Bett gefallen bin. Außer in der Advents- und Weihnachtszeit, da lasse ich dann einfach mal liegen, kaufe mir schon vorher schöne Bücher und versinke darin. Das passt dann irgendwie zu meiner Stimmung, ich liebe Märchen und Geschichten…
    Nun stöbere ich erstmal noch ein bisschen bei Dir.
    Liebe Grüße von der Insel Rügen, MAndy

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