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Karen Duve: „Fräulein Nettes kurzer Sommer“

14. November 2018

(unaufgeforderte und unbezahlte Werbung, rein private Empfehlung)

Vor hundert Jahren, genauer am 30.11.1918 trat in Deutschland das Reichswahlgesetz in Kraft, das Frauen das aktive und passive Wahlrecht zusicherte. (Astrid/lemondedekitchi hat diesen interessan Beitrag zu dem Thema verfasst.). Das fand ich einen  perfekten Anlass, im November nur Bücher von und über Frauen zu lesen. Gleich mit dem ersten habe ich einen Glücksgriff getan, denn es ist sofort zu meinen Lieblingsbüchern des Jahres aufgestiegen.

„Fräulein Nettes kurzer Sommer“

Die „Heldin“ in Karen Duves Roman ist Euch bestimmt bekannt: Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848). Wir begegnen der westfälische Adeligen hier in ihren frühen Zwanzigern und werden gleich sehr direkt mit ihr konfrontiert.

„Annette von Droste-Hülshoff war eine Nervensäge.“

Annette „Nette“ ist von der zu frühen Geburt an gesundheitlich anfällig und extrem kurzsichtig.  Mit ihrer vorlauten, kecken Art entspricht sie nicht dem damaligen Ideal einer sittsamen jungen Frau, schon gar nicht einer Freifrau aus altwestfälischem, katholischen Adel. Anstatt sich still und fleißig feinen Handarbeiten zu widmen, kehrt sie verdreckt nach der Mineraliensuche im Steinbruch mit dem Geologenhammer heim. Das Erziehungsziel sah anders aus.

„So kamen die jungen Damen gar nicht erst auf dumme Ideen und entwickelten jene vollkommene Gefügigkeit und allduldende Schicksalsergebenheit, die sie ein Leben lang benötigen würden.“

Wir machen nicht nur die Bekanntschaft mit Annette von Droste-Hülshoff, sondern erleben hautnah, wie es sich so lebte in dem damals recht rückständigen Westfalen. Die Reisewege dort waren berüchtigt und oft halsbrecherisch, nicht selten blieben die Kutschen im Schlamm stecken. Während Annette ein häusliches Leben zu pflegen hat, werden wir durch ihre Onkel und deren Freundeskreis in das gesellschaftliche, politische und studentische Leben eingeführt.

Den Sommer 1820, auf den der Buchtitel anspricht, verbringt Nette bei der Stiefmutter ihrer Mutter und den zahlreichen Onkeln und Tanten der Familie von Haxthausen, die teilweise gleichaltrig oder gar jünger als sie selber sind. Auch auf dem Familiensitz in Bökendorf eckt sie an, indem sie sich in Angelegenheiten der Männer einmischt, sich eine Meinung und Interesse für Literatur und Politik erlaubt.  In diesem Haus gehen auch die Gebrüder Grimm ein und aus, doch Wilhelm Grimm graut es vor Nettes spitzer Zunge.

Annette ist vielseitig begabt, sie musiziert, komponiert, singt und schreibt Gedichte. Je wichtiger für Annette das Schreiben wird, je mehr sie fortschreitet, desto unleidlicher werden die Onkel. – Die Nichte wächst ihnen über den Kopf… Sie wenden sich von ihrem „Geschreibsel“  und ihrer Person angewidert ab. Der Ton ihr gegenüber wird schärfer und höhnischer. Ja, die Onkel empfehlen männlichen Gästen Annette gegenüber eine demütigende und kränkende Haltung : „Abstrafen, ein Beschämen und Ausschließen“
Auch die weibliche Verwandtschaft stört sich an fehlender Sittsamkeit, mangelndem Fleiß bei der Hand- und Hausarbeit und an der Aufmerksamkeit, die mancher Bekannte Annette schenkt. Dabei ist sie keine Schönheit, hat eine grelle Stimme und Glubschaugen!
Annette leidet unter dieser Behandlung, hadert mit ihrer Rolle als Frau und sehnt sich nach den Freiheiten, die das männliche Geschlecht genießt.

In jenem Sommer vertieft sich Annettes Freundschaft zu dem mittellosen, bürgerlichen und auch noch protestantischen Studenten Heinrich Straube Ausgerechnet Straube, den ihr Onkel August von Haxthausen für ein Dichtergenie hält und komplett finanziert. August tobt!

„Deine Gedichte? Deine Gedichte!!? Du willst dem größten zeitgenössischen Talent die Zeit stehlen, damit er sich dein Geschreibsel anschaut und sich ein paar Komplimente darüber abquält? Ich verbiete es dir!“

Nicht nur der Onkel wirft sich ins Zeug, auch ein weiterer Adliger aus dem Freundeskreis, von Arnswaldt.  Ich möchte nicht zuviel verraten, aber in jedem Sommer entspinnen sich große Gefühle und bösartige Intrigen, die zu einer Lebenskatastrophe der Dichterin führen.
Die Autorin legt Straube die Wahrheit in den Mund, die niemand zu Lebzeiten Annettes ahnen konnte.

„Der Name eurer Nichte wird auch dann noch landauf, landab gerühmt werden, wenn wir längst tot und vergessen sind und allenfalls als Fußnoten in Abhandlungen über ihr Werk auftauchen.“

Fazit:

Die Autorin hat sehr gut recherchiert und schafft es, ein sehr lebendiges, buntes Bild jener Zeit und dem Kreis um Annette von Droste Hülshoff zu vermitteln. Ehe man sich versieht, bekommt man einen Rundumblick über eine ganze Epoche, die literarischen, politischen und gesellschaftlichen Bewegungen. Mit der engagiert dargestellten Protagonistin „Nette“ kann man sich sehr gut identifizieren. Mein Bild der Droste hat sich gewandelt und ist ein gänzlich anderes geworden.
Mir gefällt der trockene Humor und der lakonische Stil der Autorin. Man lernt nicht nur viel über die Dichterin und ihre Zeit, sondern hat auch noch ungeheuer viel Spaß beim Lesen. Ach ja, auch der Scherenschnitt auf dem Cover ist ein Genuss…

Absolute Leseempfehlung.

Karen Duve:
Fräulein Nettes kurzer Sommer
Galiani-Berlin, September 2018
592 Seiten

 

verlinkt bei „Mein Buch des Monats“ (lesezimmer-Karminrot)

11 Kommentare

  • Antworten eva 14. November 2018 at 8:14

    Ohhh, das hört sich aber gut an liebe Andea,

    und die „Droste“ gehört zu mit zu meinen „Lieblingen“

    von der judenbuche bis hin zum Knaben.

    Danke für das Vorstellen.

    Lieben Gruß Eva

  • Antworten Astridka 14. November 2018 at 11:13

    Das ist mal wieder eine Versuch…

  • Antworten Astridka 14. November 2018 at 11:15

    Den Versuch vergiss bitte – das Kommentieren bei dir ist wirklich nur auf Umwegen möglich… Hier aber der beabsichtigte Kommentar zum heutigen Post:

    Ich hab sie ja auch immer noch auf meiner Liste, bilde mir aber ein, dass sie immer noch bekannter ist als viele andere, da sie ja lange den Lektürekanon deutscher Gymnasien beherrscht hat…
    Interessant für mich ist die Einbeziehung der Familie Haxthausen, denn der bin ich bei der Beschäftigung mit den „Märchenfrauen“ der Brüder Grimm begegnet. Es ist immer wieder spannend, dass zu jener Zeit, in der das Reisen ja wahrlich schwierig war, so viele Menschen mit geistig – kulturellen Interessen miteinander in Verbindung standen – und das ohne Netz, was heute ja die überregionalen Kontakte mit Gleichgesinnten enorm erleichtert.
    Es ist auf jeden Fall eine Zeit, die viel spannender ist, als es unserer Vorstellung von Biedermeier suggeriert. Morgen mehr b ei mir dazu.
    Der Scherenschnitt ist natürlich ganz hinreißend!
    Danke fürs Vorstellen!
    LG
    Astrid

  • Antworten ninakol. 14. November 2018 at 12:27

    Werde ich definitiv auf meine Liste packen!
    Ein Tipp, auch weil der Titel und Zitat für mich ein Synonym für die Zeit ist:
    Darf nur heimlich öffnen mein Haar
    Ein Lesebuch, bei dtv von Annette von Droste-Hülshoff
    Leider nur noch antiquarisch
    Ich war Mal in *ihrem* Wasserschloss, schön heute, damals eher ein feuchtes, kaltes (in mehrfacher Hinsicht) Heim
    Danke für den tollen Tipp
    Liebe Grüße
    Nina

  • Antworten Haller Stadtperle 14. November 2018 at 16:52

    Hallo. Danke für die tolle Buchrezension. Dieses Buch muss ich unbedingt lesen, klingt einfach spannend und interessant!
    Habs auf meine Liste gesetzt und wird, sobald in meiner Bücherei vorrätig, gelesen (oder verchlungen?!) 🙂
    Liebe Grüße. Simone

  • Antworten Andrea Karminrot 14. November 2018 at 17:43

    Do schreibst so begeistert, dass ich es mir auf meine Liste gesetzt habe. Ich muss es einfach haben.
    Lieben Gruß
    Andrea

  • Antworten Nicole/Frau Frieda 14. November 2018 at 18:18

    Auch wenn es noch so wunderbar klingt, liebe Andrea. Ich werde es nicht lesen. Nachdem ich vor ein paar Jahren Frau Duve’s „Regenroman“ gelesen habe, ist sie bei mir „unten durch“. Ich fand diesen schneckenschleimigen Moorroman einfach nur fürchterlich. Eigentlich hätte ich ihn nie zu Ende lesen sollen, doch weil damals die Medien ihn so hochgelobt hatten, habe ich mich durchgekämpft. Schade, vielleicht verpasse ich jetzt was. Dir einen wundervollen Abend, Nicole

    • Antworten Andrea 14. November 2018 at 20:20

      Hallo Nicole, schade, da verpasst Du was. Manchmal sollte man AutorInnen eine zweite Chance geben…
      Liebe Grüße
      Andrea

  • Antworten Magdalena 14. November 2018 at 20:03

    Das muss ich lesen. Sie war noch keine 10, da hat sie ihre Brüder aus dem Konzept gebracht, weil sie viel schneller und besser Latein gelernt. Danke fürs Vorstellen.
    LG
    Magdalena

  • Antworten Maren 14. November 2018 at 20:14

    Den hab ich auch schon weiterempfohlen. Musste ich doch die Judenbuche in der Schule lesen und hab auch Ihre Wasserschloss mal besichtigt und wusste trotzdem viel zu wenig über sie. Sehr informativ und seeeehr unterhaltsam. Liebe Grüße Maren

  • Antworten mano 17. November 2018 at 11:56

    letzte woche habe ich dieses buch in der hand gehalten, es war mir sofort aufgrund des tollen scherenschnitts aufgefallen. ich hatte mir den titel gleich gespeichert für meine weihnachtswunschliste! nach deinem beitrag kommt es sofort auf platz 1!
    liebe grüße
    mano

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