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Tara Westover: Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss {Bücher}

13. September 2018

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexamplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum dem Buch behalte ich mir vor.)

Schon wieder eine spannende Neuerscheinung, die ich Euch vorstellen möchte. Aber ich bin ja nicht die Einzige, die im (Spät)Sommer gerne schmökert und sich für interessante Frauenbiographien begeistern kann.
Erst als ich dieses Buch fertig gelesen hatte, erfuhr ich, dass dieser amerikanische Bestseller auch auf der Sommer-Leseliste des Ex-Präsidenten Barack Obama steht.

„Educated“ (ausgebildet) lautet der Originaltitel der erschütternden Autobiographie der erst 32jährigen Tara Westover. In der Bildung, die sie sich aus eigenem Antrieb erwarb, sieht sie ihre Befreiung und Loslösung von ihrer Herkunft aus einer fanatischen mormonischen Familie. Ihr Buch ist in drei große Einheiten unterteilt, die Kindheit, Ausbildung und Loslösung schildern.

Inhalt

Eine freie Kindheit in der einsamen wilden bergigen Natur Idahos könnte traumhaft schön sein, doch Tara Westover wird in schwierige Familienverhältnisse geboren. Sie ist das siebte und jüngste Kind fundamentalistischer mormonischer Eltern, die in extremer Form den Weltuntergang erwarten. Fast inbrünstig bereiten sie sich auf den Untergang der Zivilisation vor. So wird der Sommer bestimmt vom Einwecken der Vorräte für den Tag X,  der Vater hortet Waffen, Munition und Ausrüstung, Öltanks werden vergraben u.v.m..

Tara Westover wird irgendwann 1986 geboren, an das genaue Datum kann sich keiner mehr besinnen, denn es existiert keine Geburtsurkunde. Als Staatsgegner meldet der Vater die Kinder nicht an, zudem er den Besuch seiner Kinder an einer staatlichen Schule ablehnt. „Homeschooling“ – Unterricht durch die Mutter findet nur sehr selten statt. Zumindest lernt Tara so anhand der Bibel und mormonischer Schriften das Lesen. Der Vater beschwört stets die Bedrohung durch Angriffe von staatlicher Seite und beansprucht für sich prophetische Fähigkeiten. Seine Regeln für die Familie sind hart und absolut unnachgiebig. Sein Weltbild bestimmt das aller Familienmitglieder.

Ärmlich und hart sind die Lebensbedingungen, die Familie lebt vom Schrottplatz des Vaters, auf dem auch die Kinder ungeschützt, unter steter Lebensgefahr und mit vielen Blessuren bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Die daraus resultierenden teilweise schlimmen Verletzungen oder Krankheiten bekommt nie ein Arzt zu sehen, da die Schulmedizin kategorisch abgelehnt wird. Dafür ist die Mutter viel als illegale Hebamme und Pflanzenheilerin unterwegs. Beim Lesen wundert man sich, dass alle Familienmitglieder überhaupt die vielen Unfälle überleben. Weder die Mutter noch die Kinder hinterfragen diesen familiären Albtraum. Die heranwachsende Tara ist zunehmend auch der brutalen Gewalt eines älteren Bruders ausgesetzt, dessen Misshandlungen von den Eltern ignoriert werden.

Den Ursprung dieser Verflechtung von religiösen Fanatismus und Persönlichkeitsstörung erkennt Tara Westover erst Jahre später:

In dieser Verfassung hörte ich erstmals den Begriff bipolare Störung. Ich saß in Psychologie 101, als der Professor die Symptome von der Overhead-Wand ablas: Depression, Manie, Paranoia, Euphorie, Größenwahn, Verfolgungswahn.
Ich höre mit verzweifeltem Interesse zu.
Das ist mein Vater, schrieb ich mein Notizbuch. Er beschreibt Dad.

Tara besitzt eine Kämpfernatur, die sie einsetzt, als der Wunsch nach Bildung außerhalb der familiären Kontrolle in ihr erwacht. Um den erforderlichen Test zu bestehen, muss sie sich ganz allein das nötige Wissen aneignen. Ihr Entschluss gilt innerhalb der Familie als Rebellion. Die Zeit ihrer Ausbildung am College gleicht anfangs einem ziellosen Treiben in einer bislang unbekannten Welt mit einer Geschichte, Wertvorstellungen und Regeln, die ihr völlig unbekannt sind.

Es ist nicht nur eine formale Ausbildung, die innerhalb von zehn Jahren in einem  Doktortitel (PhD) in Cambridge mündet, sondern auch ein langwieriges Ringen, um ein eigenes  unabhängiges Selbst zu finden und aufzubauen. Tara Westover hat viele schmerzliche Prozesse zu durchlaufen, Erinnerungen und innere Bilder zu ordnen, zurechtzurücken und zu verifizieren.

Fazit

Gelungen fand ich gleich schon das Cover, das den Inhalt in spannender Form umsetzt: die Berge Idahos und der Stift, der das eifrige Lernen und die Ausbildung symbolisiert.
Tara Westover schildert ihre Kindheit und die Zeit ihrer Ausbildung  schonungslos, anschaulich und fällt nie ins Melodramatische. Die Darstellung ihrer Gefühle und ihres inneren Konflikts ist immer authentisch. Man hat den Eindruck, dass ihr selbstbestimmtes Leben noch immer im Aufbau befindlich ist. Noch sind es die Bücher und ihre Abschlüsse, die ihr Halt geben, bevor sie sich ganz frei in den Mittelpunkt stellen kann. Die Bedeutung der Bildung ist mehr als eine Ansammlung von Wissen, sondern genauso eine Stärkung von seelischer Kraft und eine Quelle der Heilung.

Mich erschütterte, dass niemand aus dem größeren familiären Umkreis  oder von den anderen mormonischen Gemeindemitgliedern, von denen viele  ihren Glauben in weltnaher Art und Weise pflegten, in irgendeiner Weise eingriffen oder staatliche Stellen informierten.
Diese Art des freien amerikanischen Lebens hat hier ganz fatale Folgen. Tara Westover schiebt der mormonischen Religion keine Schuld zu, das größte Problem, das sie mit ihr hat, ist die Rolle der Frau.

Erschreckend und aufwühlend fand ich, wie das Weltbild und die Denk- und Handlungsstrukturen, die von klein auf familiär angelegt wurden, prägen. Wie viel und wie lange es braucht, sie zu hinterfragen und aufzulösen, beeindruckt mich sehr. Was für ein mutiges und auch ermutigendes Buch einer tapferen jungen Frau.

Eine intensiv geschriebene, spannende, bemerkenswerte Frauenbiographie

Tara Westover:

Befreit:
Wie Bildung mir die Welt erschloss

Übersetzt von Eike Schönfeld

Verlag Kiepenheuer & Witsch
September 2018

 

  • Nicole/Frau Frieda 13. September 2018 at 11:18

    Was für ein Buch, Andrea. Puuh. Ich werde Ausschau danach halten, ganz bestimmt. Danke für den Tipp. Herzlichst, Nicole

  • eva 13. September 2018 at 11:24

    Liebe Andrea,
    ich war heute morgen schon da und habe gelesen, mußt aber dann weg.
    Ich komm nochmals.

    Da muß ich Nicole recht geben, was für ein Buch und auch was für eine Rezension! Die macht Lust auf das Buch und ich gucke am Freitag im Einkaufszentrum mal danach.

    Alles Liebe, wie geht es dem Arm und einen lieben Gruß Eva

  • Astridka 13. September 2018 at 13:34

    Immer wieder solche Geschichten einer geistigen Befreiung aus religiös verbrämtem Machtmissbrauch, gerade aus den Staaten ( ich denke da an Deborah Feldmann ), oder aus prekären Verhältnissen ( J.D. Vance ). Bildung ist auch für unsere Verhältnisse eine Option, da fehlt einfach das Engagement auf vielen Ebenen. Toll, dass Tara Westovers Bericht diesen Zusammenhang wieder bestätigt!
    LG
    Astrid

  • Jutta von siebenVORsieben 13. September 2018 at 18:04

    Klingt ziemlich krass. Eine völlig andere Welt.
    Werde ich mir mal vormerken.
    Liebe Grüße
    Jutta

  • ninakol. 13. September 2018 at 22:17

    Hi. Höher sich gut an! Und wenn man bedenkt, dass es in Deutschland auch noch gar nicht so lange her ist: Mädchen? Bildung? Ach, die kann doch an die Kasse, an s Band, oder nur die 3 K’s! Erlaubnisse einholen vom Ehemann, Prügelstrafe…. Noch gar nicht lange her…
    Buch ist Mal vorgemerkt
    Liebe Grüße
    Nina

  • jahreszeitenbriefe 14. September 2018 at 19:04

    Mitreißend hast du das Buch vorgestellt, dass man sogleich auch lesen möchte. Was für ein Schicksal, welche Stärke, sich aus den Zwängen der Religion und Familie zu befreien und den eigenen Weg zu gehen… Lieben Gruß Ghislana

  • Friederike 14. September 2018 at 21:09

    Danke für deine Rezension, ich hab mir schon öfter Tipps von dir mitgenommen… zuletzt im Urlaub habe ich das „letzte Bild der Sara de Vos“ verschlungen.
    Diesmal klingt es mir zu deprimierend, ich möchte das Buch nicht lesen, auch wenn ich starke Frauen bewundere und meist ihre Biografien mag.
    lg

  • Rosi 19. September 2018 at 21:40

    das klingt nach schwerer Kost..
    aber es ist auch ermutigend dass es Menschen schaffen
    sich aus solchen familiären Zwängen zu befreien
    leider gibt es auch hier solche „Sekten“ die versuchen ihre Kinder vor der bösen Welt zu schützen
    es mag gut gemeint sein
    macht aber Menschen aus ihnen die ausserhalb der Familie nicht bestehen können

    scheint ein sehr interessantes Buch zu sein

    liebe Grüße
    Rosi