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Eva Meijer: Das Vogelhaus {Bücher}

6. September 2018

(Werbung. Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum Buch behalte ich mir vor.)

Eine ungewöhnliche Frau und ihr Leben für die wild lebenden Vögel

Was für ein feines liebevolles Buchcover. Man möchte das Bändchen aufbinden und die alten Aufzeichnungen durchblättern.

Mit einer zarten, leisen und bezaubernden Geschichte holt die Holländerin Eva Meijer mit ihrem Roman „Das Vogelhaus“ die  britische Violinistin und Vogelkundlerin Gwendolen („Len“) Howard aus der Vergessenheit zurück. Die Schriftstellerin und Philosophin Eva Meijer ist während ihrer Doktorarbeit über tierische Kommunikationsformen (als Buch „Die Sprachen der Tiere“ erschienen, unaufgeforderte, unbezahlte Werbung)   auf Howards Arbeiten gestoßen.

Gwendolen („Len“) Howard

Len Howard wird 1894 als jüngstes von vier Kindern in eine wohlhabende, musische Familie geboren. Ihr Vater, der Dichter Henry Newman Howard, legt schon in Lens Kindertagen den Keim zu ihrer Liebe und dem Interesse zu freilebenden Vögeln, indem er mit ihr zusammen verwaiste Vogeljunge aufzieht. Gerade die Vogelgesänge faszinieren sie, ihre  Musikalität und feines Gehör bieten Ihr in den folgenden Jahren die Fähigkeit zu genauesten Beobachtung.

Gegen die für die Frauen ihrer Gesellschaftsschicht vorausgeplante Zukunft wehrt sie sich. Statt Ehe und Familie möchte sie ihre große musikalische Begabung ausleben. So verlässt die junge Frau ihre Familie in Wales und zieht  zunächst nach London, wo sie als Violinistin in einem Orchester spielt und Kindern aus finanziell schwachen Familien Musikstunden erteilt. Trotz ihrer musikalischen Karriere fühlt sie sich in London unter dem Tratsch der Musikerkollegen, den städtischen Lebensbedingungen und dem Zusammensein mit dem untreuen Liebhaber nicht wirklich ausgefüllt. Schließlich nimmt das Leben dort ihr schier den Atem.

So  schlägt sie eine gänzlich andere Richtung für den Rest ihres Lebens ein, indem sie 1939 im kleinen ländlichen Örtchen Ditchling / Sussex ein bescheidenes Häuschen erwirbt. Luft zum Atmen gibt es genug – die Fenster werden meist offen stehen. Herein fliegen Meisen, Rotkehlchen, Amseln… die bald Möbel, Teppiche und Kleidungsstücke zum Nisten verwenden. Lens Verhältnis zu den Vögeln ist ein sehr enges, sie leben praktisch in einer offenen Hausgemeinschaft. In den Kriegsjahren teilt sie ihre knappen Kriegsrationen mit ihnen.

Während Len Howard zunehmend einsiedlerisch lebt, auch um ihre gefiederten Freunde zu schützen, schreiten ihre genauen Vogelbeobachtungen voran. Sie veröffentlicht Artikel in Zeitschriften für Naturfreunde und schreibt zwei Bücher, die auch in andere Sprachen übersetzt werden. Aus ihren Beobachtungen schließt sie, dass nicht nur der reine Instinkt, sondern auch individuelle Intelligenz bedeutsam für das Verhalten der Vögel ist.

Ihre Art der Beobachtung entspricht nicht den damals üblichen naturwissenschaftlichen Methoden, was ihr von dieser Seite Kritik einbringt. Als Nichtwissenschaftlerin und zudem als Frau einen gänzlich anderen Ansatz zu verfolgen – ohne Käfige, Gefangenschaft, Labor und Versuche – erfordert Mut und Selbstbewusstsein.

1973 stirbt sie in Ditchling.

„Der Mensch sieht die anderen Lebewesen nicht richtig, weil er sich selbst für so wichtig hält – würde man ihr Verhalten genau beschreiben, rückte man sie in ein anderes Licht.“

 

Das Vogelhaus

Der Roman wird durchzogen von Len Howards Verhaltensbeobachtungen ihrer Lieblingsblaumeise „Sternchen“ („Star“ im Original), die sogar das Zählen lernt. Das sind wunderbare Beispiele aus ihrem Schaffen, denn ihre Bücher sind leider nur noch antiquarisch und dann auch nur schwer zu finden.

Es ist interessant, ein bisschen über die Jugendzeit Len Howards zu erfahren, die Zeit in London hätte ich mir im Roman lieber etwas gestraffter gewünscht. Allerdings konnte ich so dann auch den Schlussstrich, die Wendung sehr deutlich nachvollziehen.

„Ich sollte mich nicht fragen, ob das, was ich tue, etwas nützt, und ob es ausreicht. Die Vögel führen mir vor, dass Zeit nicht die Gerade ist, die Menschen darunter verstehen.“

Mir hat gefallen, dass Eva Meijer die Naturforscherin Howard, die ja recht drastisch den Lärm und die Störungen der Außenwelt von ihrem „Bird Cottage“  fern hielt, nicht als Exzentrikerin dargestellt hat, sondern als eine exakte, leidenschaftliche Beobachterin. Ihr Ansatz, der in anderer Form auch von Konrad Lorenz vertreten wurde (aber Mann und Wissenschaftler), brauchte noch Jahrzehnte, bis er als gleichwertig anerkannt wurde.
Über die gefiederten Protagonisten hätte ich gern noch viel mehr gelesen. Am liebsten würde ich gleich die Nase in die (leider vergriffenen) Bücher Len Howards stecken. (Vielleicht werden sie ja mal neu aufgelegt?)

„Es gibt so einige, die an meiner Arbeit interessiert sind. Nur gehen die Ansichten darüber, wie wir verstehen können, was in Vögeln vorgeht, oft weit auseinander. Menschen wollen das messen. Als ob sich Gefühle in Zahlen ausdrücken ließen.“

Ein bezauberndes Buch über eine außergewöhnliche, zu Unrecht vergessene Naturforscherin und ihr Verhältnis zu freilebenden Vögeln. Beim Lesen wirkt es ungemein entspannend. Dann aber hat man Lust, sich in die Natur zu begeben und die Vogelschar zu beobachten, sich in Tierkommunikation einzulesen.

Wer Tiere und Natur liebt, sich für mutige Frauen interessiert, die andere Wege gehen, wird viel Freude an diesem wunderbaren Buch haben.

Meine Leseempfehlung!

Eva Meijer:
Das Vogelhaus
(aus dem Holländischen übersetzt von Hanni Ehlers)
btb- Verlag, 320 Seiten, August 2018

 

7 Kommentare

  • Antworten eva 6. September 2018 at 6:48

    Hallo Andrea,

    das schön gestaltete Buchcover ist mir sofort aufgefallen und du beschreibst dises Buch auch sehr liebevoll.

    Ich finde es sehr gut, dass auch vergessene Schriftsteller immer wieder „ans Licht“ geholt werden, die es verdient haben.
    Davon gibt es doch einige.

    Das hört sich sehr gut an.

    Lieben Gruß Eva

  • Antworten mano 6. September 2018 at 7:57

    das hört sich ganz wunderbar an!!
    liebe grüße von mano

  • Antworten Astridka 6. September 2018 at 8:20

    Oh, wieder eine Frau, die einen eigenständigen Weg einschlägt und sich einer Sache widmet, die zur Welterkenntnis beiträgt! Das ist genau nach meinem Geschmack. Und dass sie sich mit Vögeln beschäftigt – das ist ja bei uns in der Familie ein generationenübergreifendes Thema, da kann ich das Interesse gut nachvollziehen.
    Tolle Fotos könntest du beitragen.
    LG
    Astrid

  • Antworten Nicole/Frau Frieda 6. September 2018 at 10:38

    Uih.. das liest sich, als wäre es ein Buch für mich, liebe Andrea! Hab‘ vielen Dank für die schöne Vorstellung. Ich mag zarte, leise und bezaubernde Vogel-Geschichten sehr. Dir einen lieben Gruß, Nicole

  • Antworten Magdalena 6. September 2018 at 17:03

    Liebe Andrea, das ist ein Buch für meine Liste. Ich danke Dir für die gute Beschreibung.
    LG
    Magdalena

  • Antworten ninakol. 6. September 2018 at 21:17

    Oh wie fein, dass hört sich ganz wunderbar an! Mein (Wunsch-) Stapel wächst
    Und die schönen Fotos dazu!
    Danke Dir und liebe Grüße
    Nina

  • Antworten Lydia 6. September 2018 at 21:43

    Liebe Andrea,
    danke für die tolle und so warmherzig geschriebene Vorstellung.Das liest sich sehr interessant und ich werde es als Weihnachtsgeschenk im Gedächtnis behalten.
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden,
    Lydia

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