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Katharina Adler: Ida {Bücher}

25. Juli 2018

(Werbung, der Verlag hat mir das Rezensionsexemplar kostenlos überlassen. Die Rezension entspricht meiner eigenen, freien Meinung)

Von Sigmund Freuds Sofa in das bewegte Leben

Die Autorin Katharina Adler bringt Licht in ihre eigene Familiengeschichte, denn es war ihre Urgroßmutter Ida, die in ihrer Jugend auf dem Diwan von Sigmund Freud lag und Objekt einer seiner bekanntesten psychoanalytischen Fälle wurde. Gleichzeitig führt sie die Leser durch ein Österreich von der Kaiserzeit, durch die Zeit der Republik bis zum „Anschluss“  an das Deutschland des Dritten Reichs.

Urahnin Ida Bauer war dereinst Sigmund Freuds  umstrittener „Fall Dora“. Doch wer war sie eigentlich?

Ida

Ida Bauer-Adler (1882 -1945) wurde in eine wohlhabende jüdische Familie geboren, die zeitweise in Wien oder Meran lebte. Ihr Vater Philipp Bauer war Textilfabrikant, politisch liberal gesonnen, privat ein Lebemann. Ihr um ein Jahr älterer Bruder Otto Bauer war ein bekannter und führender österreichischer Sozialdemokrat.

Inhalt

Bei Ida tauchen seit ihrer Kindheit Migräne, nervöser Husten, später zeitweise Aphonie (Stimmverlust) auf. Die familiäre Situation ist belastend. Sie erlebt, wie der Vater sich in der Ehefrau eines Bekannten (Herr K.) eine langjährige Geliebte hält und rebelliert zunehmend gegen dieses außereheliche Verhältnis. Zudem ereignen sich mehrmals bedrängende Übergriffe des Herrn K. der pubertierenden Ida gegenüber, die sie heftig abwehrt.

Philipp Bauer ist wegen seiner Syphilis bereits Patient von Sigmund Freud. 1898 stellt er seine Tochter zum ersten Mal bei Freud vor. Als Ida 18 Jahre alt wird, gibt er sie wegen ihrer „Krankheiten“ und in der Hoffnung, dass sie danach handhabbarer wird, erneut in die Behandlung des Psychoanalytikers. Jeder der drei verfolgt ganz unterschiedliche Interessen.

Die Eltern ignorieren die Übergriffe, da scheint wohl ein Einverständnis der Männer zu herrschen. Der damals noch nicht berühmte Psychoanalytiker Freud diagnostiziert bei dem jungen Mädchen eine „petite hystérie“ und hofft, mit ihrem Fall seine neu entwickelten Thesen z.B. zur „Übertragung“ zu bestätigen. So wendet er z.B. auch die Traumdeutung an. Doch jede ihrer Äußerungen wird von ihm in den sexuellen Bereich interpretiert. Ida leidet darunter, dass sie zu sexuellen Geständnissen gedrängt werden soll, die ihr einen  verlangenden Anteil an den Übergriffen des viel älteren Familienfreundes unterstellen wollen.

Bis dahin hat sich Ida pflichtbewusst den Forderungen der Familie gebeugt, doch jetzt geht sie einen selbstbewussten, mutigen Schritt. Nach drei Monaten bricht Ida Bauer von sich aus die Analyse ab und gibt Freud zu verstehen, was sie von seinen Methoden hält. Was für eine Befreiung sie dabei empfindet!

Während die Wissenschaft danach nur diese Zeit des „Fall Dora“ im Blick hat, zeigt uns der Roman, welchen Weg Ida bis zu ihrem Tod weitergeht. Sie wird Ehefrau und Mutter, muss als Witwe jüdischer Abstammung über Frankreich nach Casablanca fliehen und erreicht gerade noch das letzte Schiff Richtung USA. Dort macht ihr Sohn Karriere als Operndirektor in San Francisco. Ein nicht einfacher und teilweise auch recht gefahrvoller Lebensweg ist zu bewältigen.

Meine Meinung

Die Autorin hat die Biographie ihrer Urgroßmutter recherchiert, aber im Detail ist der Roman fiktional. Ida ist ein sehr ambivalenter Charakter, mal mit mehr, mal mit weniger sympathischen Seiten. Der Lauf der Geschichte zwingt sie zu Strenge; Mut und Stärke, dabei behält sie ihre Eigenwilligkeit. Sie wird als sehr engagiert und auch unbequem dargestellt.

Sehr eindrucksvoll fand ich die Schilderung ihrer Jugend und die Zeit der Analyse. Was für eine erschreckende Situation für eine so junge Frau! Ihr Verhältnis zu Männern blieb dadurch gewiss nicht unbeeinflusst. Mein Blick auf die Psychoanalyse nach Freud ist dadurch deutlich kritischer geworden.

Idas Biographie ist eng mit der europäischen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbunden, so bekommt der Roman noch eine andere Dimension. Dabei habe ich noch einiges über das politische Geschehen in Österreich zu jener Zeit erfahren.

Im Erzählverlauf ändern sich gelegentlich die Perspektiven. Die wechselnden Zeitebenen sind einerseits sehr interessant, gelegentlich aber auch etwas zu viel des Guten. Anhand der genauen Zeitangaben zu Kapitelanfang kann man sich aber gut orientieren.

Ein durchaus interessanter und empfehlenswerter Roman

Katharina Adler: Ida

Rowohlt Verlag 2018

512 Seiten

 

 

3 Kommentare

  • Antworten Astridka 25. Juli 2018 at 8:21

    Wenn man die Sitten & Gewohnheiten der KuK-Zeit kennt, wundern einen die Ergebnisse Freudscher Theorien nicht mehr. Mich hat das mal fast einen Seminarschein ( und damit das Staatsexamen ) gekostet, als ich Jungspundin das alles in Frage gestellt habe… Ich tu mich inzwischen schwer mit solchen Mischformen der Biographie, obwohl es immer sehr verführerisch ist, „Fleisch“ an das Knochengerüst der reinen Fakten zu bringen.
    Danke fürs Vorstellen!
    Astrid

  • Antworten Centi 25. Juli 2018 at 11:41

    Das klingt ja mal ziemlich lesenswert. Mir sind klassische Biographien zwar auch mistens lieber, aber im Vergleich zu rein fiktiven Romanen über gänzlich uninteressante Menschen (die es ja leider in Massen gibt) gewinnen solche Bücher dann doch sehr.
    Freud hat man in dieser Hinsicht ja viel vorgeworfen… trotzdem bin ich persönlich der Meinung, dass an seinen Theorien im Großen und Ganzen mehr Wahres dran war als an vielen moderneren Konstrukten zum Thema Psyche.
    Danke für den Tipp!
    Centi

  • Antworten Stitched Teacups 29. Juli 2018 at 21:41

    Danke für diese Buchvorstellung! Das klingt wieder sehr interessant.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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