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Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip {Bücher}

15. Juli 2018

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Zunächst in eigener Sache:

Ihr wisst, dass ich Euch gern interessante Buchneuerscheinungen vorstelle. Zum Teil kaufe ich mir diese selber, zum anderen Teil bewerbe ich mich um kostenlose Leseexemplare. Bei letzteren nehme ich eine gezielte persönliche Vorauswahl vor, denn ich bevorzuge Bücher zu rezensieren, die mich auch wirklich interessieren und zum Lesen verlocken.

Auch wenn  ich das Leseexemplar als Gegenleistung für eine Buchbesprechung bekomme, behalte ich mir vor, meine eigene ehrliche, persönliche Meinung darin zu äußern. Falls mir ein Buch nicht zusagt, erlaube ich mir ohne Scheu einen Verriss, selbst wenn „Werbung“ drüber steht.      

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip

Wolitzers Roman machte mich neugierig, in wie weit er die aktuelle #Me-too-Bewegung anspricht und welches Bild er vom heutigen Feminismus entwirft.  Das Cover setzt als Eye-Catcher auf bunte Streifen in eindeutiger V-Form, mal schauen, ob es hält, was es verspricht.

Inhalt

Die schüchterne Greer Kadetsky befindet sich 2006 am Beginn ihres ersten Collegejahres als ein Burschenschaftsstudent auf einer Studentenparty ihr gegenüber übergriffig wird. Greer stammt aus einfachen Verhältnissen und hat sich ehrgeizig  zusammen mit ihrem Freund Cory dort an der Schule zu Klassenbesten hochgearbeitet. Während der portugiesisch-stämmige Cory es jetzt nach Princeton geschafft hat, ist Greer auf dem College in Ryland gelandet, weil ihre Hippie-Eltern bei den Stipendien-Anträgen für bessere Colleges versagt haben. Das ärgert Greer besonders, denn anders als ihre Eltern  ist sie eher ein intellektueller Bücherwurm.

Nach dem extrem zudringlichen Vorfall gleich am ersten Freitagabend im College findet Greer Ermutigung in ihrer neuen Freundin Zee, einer lesbischen freimütigen jungen Mitstudentin.  Zuspruch braucht sie, denn ihr geht eine selbstbewusste, energische Art vollkommen ab.

Dadurch, dass Greer weitere Opfer derartiger Übergriffe zum Reden bringt, kommt es zwar zu einer Anhörung. Aber die Entschuldigung der „wiederholten Missdeutungen sozialer Signale“, die den Täter nur ein paar Beratungseinheiten bei einem Verhaltenspsychologen einbringt, empört sie sehr. Als Zee ihre Freundin zu einem Vortrag der bekannten 63-jährigen Feministin  Faith Frank mitnimmt, bricht die Empörung dort bei Greer aus. Am Ende des Abends geht Greer mit einer Visitenkarte von Faith zurück ins Studentenwohnheim.

In der Feminismus-Veteranin Faith, die eine Zeitschrift leitet und 1984 mit „The Female Persuasion / Das weibliche Prinzip“ (das auch dem Roman den Titel gab) ein feministisches Manifest schrieb, findet Greer ihr Vorbild, das sie in den nächsten Jahren des Erwachsenwerdens begleiten wird. Die Rolle, die Faith dabei spielt, wird bedeutsam und wandelt sich mit der Zeit. Anfangs himmelt Greer Faith förmlich an und begeht aufgrund dessen sogar einen Vertrauensbruch gegenüber Zee. In der neuen Stiftung Faith Franks startet für Greer eine Karriere.

Als Leser verfolgen wir nicht nur Greers Entwicklung, sondern auch die der anderen jungen Beteiligten. Wir erleben das anfängliche Scheitern der idealistischen Zee Eisenstat und die Rolle die Greer dabei spielt. Cory bricht wegen einer Familientragödie frühzeitig seinen beruflichen Aufstieg ab und beginnt einen Einsatz mit großer Aufopferung. Die Beziehung zwischen Greer und ihm geht dadurch in die Brüche. Über eine lange Rückblende erfahren wir von Faith Frank politischen und persönlichen Werdegang. Durch die Zusammenarbeit mit ihrer Mentorin findet Greer ihren eigenen Weg, der am Ende Knall auf Fall eine neue Richtung nimmt.

Das Buch endet im Jahr 2019 und spielt dabei auf die Ära Trump als das „große Grauen“ an.

Meine Meinung

Meg Wolitzer versucht mit ihrem Roman den Zeitgeist zu treffen, was nicht risikolos ist, weil er sich ja ständig wandelt. Für mich ist er nicht der Roman zur #Me-Too-Debatte, aber ein interessanter Blick auf den Wandel des Feminismus vor allem in den USA in den letzten Jahrzehnten in einer unterhaltsamen Form.

Zum einen ist er ein Entwicklungsroman, der Greers Suche nach ihrer eigenen Identität zeigt. Ihre plötzliches Erwachen zur Feministin ging mir persönlich etwas zu schnell, aber die Vorbildfunktion Faiths ist schon gut nachvollziehbar.

Die drei großen Frauenfiguren Greer, Faith und Zee sind sehr spannend dargestellt. Ihre Beziehungen untereinander durchlaufen sehr realistische Entwicklungen: Vertrauen wird gebrochen, Enttäuschungen müssen aufgearbeitet werden oder trennen endgültig. Dass sich Greer am Ende enttäuscht von Faith abwenden wird, zeigt, dass sie eine eigenständige Persönlichkeit geworden ist. Es passt eigentlich sehr gut in unsere Zeit, dass sich die Krise um die Fragwürdigkeit von Kompromissen, die man eingeht, um vermeintlich hohe Ziele zu erreichen, dreht. Wo beginnen wir eigentlich, unsere Ideale, unsere Seele zu verkaufen?
Faith und Greer  beantworten die Frage nach der Übereinstimmung ihrer Ideale und ihrer Werte unterschiedlich.

Damit zeigt sich auch der Gegensatz zwischen dem „Partyfeminismus“ und der Situation der entrechteten und stimmlosen Frauen. Faith hat ihre kraftvollen Jahre hinter sich, während Greer ihre Hauptaufgabe darin sieht, anderen Frauen Mut zu machen, zu sich selbst zu stehen und die Verhältnisse nicht so hinzunehmen.

Der Generationenkonflikt (Eltern – Kinder, Feministinnen der verschiedenen Generationen) spielt immer wieder herein, seine Facetten werden sehr eindrücklich geschildert.

Mich hat die Entwicklung von Greers Freund Cory wohl am meisten beeindruckt. Er leistet seinen Beitrag zur Veränderung des männlichen Rollenverständnisses sehr leise und persönlich. Seine Aufopferung ist sehr bewegend und am Ende mit großem Effekt.

Wer sich für einen modernen  „Coming of age“- Roman, die Rolle der Frau und Feminismus interessiert, ist mit Meg Wolitzers Buch gewiss sehr zufrieden.
Mich selber hat der Roman an manchen Stellen sehr berührt und mich immer sehr unterhalten, aber mir fehlte am Ende das nötige Quäntchen der Begeisterung.

 

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip
Übersetzer: Henning Ahrens
DuMont Verlag, Juli 2018
496 Seiten

Danke an den DuMont Verlag für das Rezensionsexemplar.

  • Stitched Teacups 15. Juli 2018 at 21:03

    Liebe Andrea,

    vielen Dank für deine Rezension, das klingt tatsächlich nach einem Buch für mich – das hast du ganz richtig eingeschätzt. 😀

    Liebe Grüße
    Sabrina