Sommerbücher nach meinem Geschmack führen mich in Länder, die ich sehr mag, und erzählen mir warmherzige Geschichten, gerne mit Tiefe und unerwarteten Wendungen. Dieser Roman hier gehört auf jeden Fall in diese Kategorie. Überraschenderweise gehört ein wichtiger Player in der Handlung in die Familie der Blatthornkäfer und riecht nach einem Hauch Aprikose. Na sowas….
Anne Sverdrup-Thygeson: Der Einsiedlersommer
Anne Sverdrup-Thygesons Romandebüt ist wegen des zugrundeliegenden Naturthemas bereits vor seiner Veröffentlichung in Verlagen vieler Länder mit großem Interesse aufgenommen worden. Denn Sverdrup-Thygeson ist Professorin an der Norwegischen Universität für Umwelt- und Biowissenschaften (NMBU), wo sie Naturmanagement und Biodiversität des Waldes erforscht und lehrt. Nicht nur in Norwegen ist sie bekannt als enthusiastische Vermittlerin von Wissen über die Natur, vor allem über Insekten. Ihre Sachbücher haben internationale Aufmerksamkeit erlangt, einige sind preisgekrönt.
Mich bewegte gleich die Frage, warum eine erfolgreiche Wissenschaftlerin und Sachbuchautorin in ein neues, komplett anderes Genre springt und ob dies gelingt. Ihre Motivation liegt vermutlich darin, den Menschen jenseits der Sachbuchebene zu zeigen, wie stark natürliche Vielfalt weltweit unter großem Druck steht – also statt von der faktischen, dieses Mal von der emotionalen Ebene.

Facettenreiche Geschichte
Und gelingt es der Autorin? So viel sei schon mal verraten: meine Erwartungshaltung, dass der Roman faszinierende Geschichten und Sachverhalte über Insekten als Waldbewohner beinhaltet, wird bestätigt. Aber überrascht wurde ich mit vielschichtigen menschlichen Charakteren, einer Handlung um tragische Verluste, Familiengeheimnissen, Schweigen statt Kommunikation, Konflikten zwischen Naturschutz und Wirtschaftswachstum und letztendlich mit einer Geschichte über Hoffnung und gegenseitigem Vertrauen:
Das Leben der vierunddreißigjährigen Biologin Eva Wist gerät durch einen tragischen Verlust aus den Fugen. Ohne ihrem Lebenspartner Eirik davon zu informieren, nimmt sie sich eine Auszeit von Partner und Alltag in Oslo für einen wissenschaftlichen Sommerjob im ländlichen Vestfold. Einzige Begleiter in der abgelegenen Landschaft sind ihr schwarzer Labrador Orca und die Trauer. Ihr Auftrag von der Gemeinde ist es, weitere Exemplare des seltenen, großen schwarzen „Osmoderma eremita“ – Eremit- oder auch Juchtenkäfers zu finden, der kurz zuvor dort gesichtet wurde. Eigentlich gilt diese Art in Norwegen als ausgestorben. Eva zieht für den Sommer in ein altes, vernachlässigtes Gehöft, Lopperud, das früher zu dem benachbarten Bauernhof gehörte. Während das heruntergekommene Gebäude Eva eher enttäuscht, faszinieren sie die alten, kaum bewirtschafteten zauberhaften Eichenwälder, in denen sie ihre Untersuchungen vornehmen soll. Zunehmend neugierig macht sie aber auch ihre scheinbar recht exzentrische Nachbarin, die 76-jährige Olga Frøyshov, die ebenso einsam nur mit einer Katze auf dem Nachbargehöft lebt.

Nun ist man neugierig, ob Eva weitere Eremitenkäfer, z.B in hohlen alten Eichen finden kann. Daneben untersucht sie, begleitet von Labbi Orca die Insektenvielfalt in 18 Waldgebieten. Nur den Zutritt zum vielversprechenden steilen Beinnesberget und dem dortigen unberührten Eichenwald verweigert ihr Eignerin Olga. Auch gegenüber Verkaufsangeboten von Seiten der Gemeinde und anderer wirtschaftlicher Interessenten verweigert sich diese kategorisch. Hat Olga etwas zu verbergen oder zu schützen oder ist sie nur stur? Ehe sich Eva und Olga versehen, sind beide zudem mit weitaus größeren, wirtschaftlich mächtigen Interessenskonflikten konfrontiert.
Authentische Charaktere
Die beiden weiblichen Charaktere scheinen anfangs sehr unterschiedlich, doch im Laufe der Handlung wird Olgas Lebensgeschichte aufgerollt. Olga zeigt, was alles in ihr schlummert. So mürrisch und abweisend sie nach außen auch tut, als Eva in ihr weltabgewandtes Leben stolpert, so herzig ist es, Olga beim Klettern auf Bäume oder im Gespräch mit ihrer Katze beschrieben zu sehen.
Eva stürzt sich engagiert in ihre Suche nach dem Eremitenkäfer. Aber sehr intensiv erleben wir sie als junge Frau, die sich in einem unverarbeiteten Trauma verstrickt hat. Ihre Krise wird authentisch und berührend dargestellt.
Die beiden Frauen verbinden sich, anfangs widerwillig, dann immer offener trotz des Generationenunterschiedes freundschaftlich. Beide teilen gemeinsame Erfahrungen und haben sich verrannt – die eine noch auf der Flucht vor dem Erlebten, die andere in der Vergangenheit.
So perfekt passt da auch der Titel „Eremitensommer“, weil er sich nicht nur auf die Käfersuche, sondern auch auf die Situation der beiden einsam in den Gehöften verharrenden Frauen bezieht.
Die männlichen Charaktere sind nicht so facettenreich. Da hat man eher das Gefühl eines Kontrastes von Schwarz und Weiß, Böse und Gut.
Wie bei der erfahrenen Autorin zu erwarten ist, erlebt man die Geheimnisse der alten Wälder in diesem Roman detailreich und einfühlsam dargestellt. Die Begeisterung für Artenvielfalt und das magische, vielfältige Ökosystem im Wald kommt durch das Erleben der Biologin Eva absolut rüber. Natürlich stehen der seltene Eremitenkäfer und seine Bedrohung durch den Verlust der alten Eichenwälder im Mittelpunkt.

Naturschutz contra Wirtschaftsinteressen
Auch der Konfrontation zwischen dem Erhalt der unbeeinflussten Natur und der Bewirtschaftung bis zur Vernichtung durch die Industrie wird nicht aus dem Weg gegangen. Der Naturschutz und besonders der Schutz des Waldes sind Anne Sverdrup-Thygesons intensivste Anliegen. Hier liegt auch die Grundidee dieses Romans: die harte Auseinandersetzung zwischen Naturschutz und industriellen Profit mit der Lebensgeschichte zweier Frauen zu verbinden.
Die Frage ist, ob es Sverdrup-Thygeson gelingt ihren Leser*innen zu vermitteln, warum es absolut notwendig ist, diesen speziellen Käfer und seinen Lebensraum zu schützen. Dazu braucht es vermutlich harte Fakten. Im Roman arbeitet die Autorin hauptsächlich mit Gefühlen.
Die Handlung hält eine Menge Komplikationen, Twists und Überraschungen sowie sehr feine Naturdarstellungen in Petto. Es wird auch der Bogen in die Geschichte Norwegens zur Zeit des 2. Weltkriegs geschlagen.
Spannend sind die Bezüge des Titels, die zum einen auf den Eremiten-Einsiedlerkäfer hinweisen, aber auch auf die Situation von Eva und Olga, die kurz- oder auch langfristig wie Einsiedlerinnen leben. Aber die Erkenntnis reift in ihnen, dass die Menschen einander brauchen, alle Teil eines gemeinsamen Ganzen sind – wie auch der Eremitenkäfer seinen Platz in diesem Ganzen beanspruchen darf und dort benötigt wird.

Viele spannende Erzählstränge
Während ihrer Zeit in Vestfold, in der sie nach dem Eremitenkäfer sucht, schreibt Eva ein Tagebuch. Meistens finden sich dort Hinweise auf ihre Untersuchungen. Man lernt einiges über den Eremitenkäfer, die Bedeutung der Biodiversität im Wald, die biologischer Arbeitsmethoden im Feld. Schnell eignet man sich den liebevollen Blick darauf an. Hier wäre eigentlich auch eine geeignete Stelle gewesen, mehr über die Bedeutung dieser Artenvielfalt auszubreiten, also mehr Fakten, die die Leser*innen genauso überzeugen, wie auch die Gefühlswelt der Charaktere.
Die Autorin legt mehrere Erzählstränge an, wie Verlust und Trauer, Suche nach dem Vater, Widerstand in der Besatzungszeit, Lügengeflechte, Industrieintrigen, einem Gemeindemitglied, dass verschiedene Ziele verfolgt und verschleiert. Nicht alle Stränge werden aufgelöst, sondern liegengelassen, so dass man als Leser*in sich die Fortsetzung ergänzen kann.
Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Durch die spannende Handlung und Entwicklung der Charaktere hat mich der Roman absolut gefesselt.
Ich bedanke mich beim dtv- Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Auf meine Meinung und Rezension des Buches hat dies keinen Einfluss.
Anne Sverdrup-Thygeson:
Der Einsiedlersommer
Übersetzt von F. Hüther, N. Pröfrock u. R. Essrich
dtv Verlag, Juli 2026
480 Seiten


1 Kommentar
Das Buch ist auf meine Leseliste gewandert. Danke Dir.
Wirtschaftliche Interessen!
Ja, die nehme immer einen Platz ein in solchen Bereichen. Sehr oft schleichend, denn der Weltmarkt bestimmt.
Liebe Grüße und gute Woche
Nina