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Alexander Osang: Die Leben der Elena Silber {Buchtipp}

6. September 2019

(Werbung: Der Verlag stellte mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Meine eigene Meinung zum besprochenen Buch behalte ich mir vor.)

Es gibt Bücher, da machen mich Titel und Cover allein schon neugierig. Dazu ein Frauenleben, das am Anfang des 20. Jahrhunderts in einem kleinen russischen Dorf beginnt und durch die russische Geschichte führen soll. Mal sehen wohin uns das führt. Als orientierender Begleiter findet sich am Ende des Buches noch ein Familienstammbaum.

Alexander Osang: „Die Leben der Elena Silber“

Alexander Osang greift in seinem Roman auf die eigene Familienhistorie, vor allem auf die Biographie seiner Großmutter zurück.

Elena Silber hinterließ ihren Nachkommen ihre Lebengeschichte, doch ist sie wahr?

„Man brauchte Hoffnung, man brauchte eine Geschichte.“ (S.593)

Elena

Der Einstieg in den Roman ist bereits heftig:

„Sina Krasnowa schob die letzten Scheite in den Ofen, als sie draußen in der Stadt ihrem Mann einen Holzpfahl in die Brust schlugen.“

Mit diesem martialischen Einschnitt in das Leben der zweijährigen Tochter Jelena der Sina Krasnowa beginnt auch deren erste Kindheitserinnerung. Der revolutionäre Familienvater wurde Opfer des Mobs, der von der zaristischen Geheimpolizei aufgestachelt worden war. Dieses Ereignis wurde fortan zur Familienlegende, wie die Flucht der Restfamilie aus der kleinen russischen Provinzstadt Gorbatow, 400 km östlich von Moskau, nach Nischni Nowgorod  (später Gorki).

Jelenas älterer Bruder Pawel schreibt ihr viel später dazu:

„Dann erzähle ich Dir, was damals passiert ist. Oder wenigstens das, woran ich mich erinnere. Traue den Geschichten nicht, die sie Dir erzählen, Feuerköpfchen. Die Menschen erinnern sich nur an das, was in ihre Lebensgeschichte passt.“ (S. 524)

Der Roman heißt nicht umsonst „DIE Leben der Elena Silber“, denn die Lebensabschnitte, die der kleinen Jelena (später Elena genannt) bevorstehen, führen sie zu unterschiedlichsten Orten und Gesellschaftsordnungen, ja förmlich durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Ihre Kindheit beginnt im zaristischen Russland, die Jugend ist geprägt von der Russischen Revolution und der jungen Sowjetunion. Das Schicksal verschlägt sie dann von der stalinistischen Heimat in das Deutschland unter den Nationalsozialisten und später der DDR.

Jelena findet in der nunmehr sowjetischen Heimat eine Arbeit und lernt 1923 dort einen interessanten Mann aus Deutschland kennen. Ihr Herz verliert sie dabei nicht, denn das schenkte sie schon einem anderen.

Der fesche, gepflegte, wohlriechende Robert Silber, ein deutscher Ingenieur, der in der Sowjetunion wirtschaftliche Aufbauarbeit in einer Textilfabrik leisten möchte, sticht (J)Elena ins Auge. Robert ist gebildet, weiß sich zu benehmen, spricht russisch und kennt sich mit russischen Gepflogenheiten aus. Damit bietet er ihr eine Möglichkeit aus der ärmlichen Enge der eigenen Familie und den Nachstellungen des Stiefvaters auszubrechen.

Nach der Heirat werden die ersten beiden Töchter der jungen Familie noch in Russland, in Leningrad und Moskau geboren. Dann kehren sie gemeinsam der Sowjetunion den Rücken. Elena Silber lernt 1936 ihre neue deutsche Heimat und ihre wohlhabende Schwiegerfamilie kennen. Für die Besitzer einer Textilfabrik wird sie „die Russin“ bleiben.

Elena bekommt noch drei weitere Töchter und lernt ein Deutsch, das nie seinen starken Akzent verliert. Doch in Familie und Land bleibt sie eine Fremde. Dazu kommt noch der Verlust der jüngsten kleinen Tochter im Krieg, daran trägt Elena schwer.

Am Kriegsende verschwindet zudem ihr Mann Robert unter ungeklärten Umständen. Für Elena macht das kaum einen Unterschied, da ihr Gatte in den letzten Jahren meist abwesend und in geheimen Geschäften unterwegs war. Nie ist sie auf die Idee gekommen, ihn nach diesen dunklen Machenschaften zu befragen, immer hat sie dies verdrängt.

Nun muss sie ihre vier verbliebenen Töchter ganz allein durchbringen. Was für die Töchter Heimat ist, bleibt für Elena die Fremde. Irgendwie werden Mutter und Töchter nie richtig glücklich in ihrem Leben und mit den Menschen um sich herum.

Ihre bisherige Biographie passt sie den jeweiligen Gegebenheiten an –  „die“ Leben der Elena Silber. Sie hat beschlossen, alles zu vergessen, zu verdrängen:

„Vergessen war eine Wohltat, ein warmes Bad. Jede Nacht in der Dunkelheit leere sie ihren Kopf, löschte die Erinnerungen, bis sie nicht mehr wusste, wer sie war und wo sie sich befand. Erst dann konnte sie schlafen.“  (S. 592)

Konstantin

Neben der Perspektive Elenas wird der Roman auch von der ihres rund 40jährigen Enkels Konstantin bestimmt. Seine Großmutter Elena ist längst vor zwanzig Jahren 93jährig verstorben. Auf der Suche nach einem Thema wird der erfolglose Filmemacher Konstantin von seiner recht dominanten Mutter Maria, einer Tochter Elenas, auf die eigene Familiengeschichte gestoßen.

Die Gründe für die innerfamiliären Dissonanzen und Probleme (auch seine eigenen)  beschäftigen Konstantin, der sich auf die Spur seiner Großmutter begibt. Ihn bewegt die Frage, warum die Familienmitglieder so geworden sind, wie sie heute sind. Was für Lasten von einer Generation an die nächsten weitergegeben werden.

Gewalt und Flucht sind wichtige Motive in Elenas Leben. Sie flieht vor den Mördern ihres Vaters, vor der Gewalt des Stiefvaters, vor dem Stalinismus, den Erlebnissen in der Nazizeit, vor der eigenen Geschichte. Eine Rückkehr in die Heimat wird nicht mehr möglich sein. Weitere Motive sind die Geheimnisse, die sie mit sich herumträgt, jene, nach denen sie nie fragt oder forscht und das Gefühl des Fremdseins. Es scheint, als hätte sie diese Bürden auch an die nächsten Generationen weitergegeben, ohne dass sich diese dessen bewusst sind.

Aus übernommenen Traditionen, Familienlegenden und ins Unterbewusstsein abgerutschten Erinnerungen bastelt sich jeder die Grundlage für sein eigenes Leben.

„Jeder wollte eine Geschichte, auf der er sein Leben aufbauen konnte.“ (S. 509)

 

Fazit

Osangs Roman liest sich gut und flüssig, weist aber wenig Spannung auf. Die verschiedenen Charaktere sind gut beschrieben. Aber sie schaffen es nicht, mich innerlich zu bewegen. Das ist eigentlich schade, denn die Familiengeschichte und der Umgang damit, sind an sich recht interessant. Zudem legt sich durch Konstantins Wesensart eine schwere Melancholie auf die Geschichte.

Da der 600 Seiten starke Roman einige Längen und Wiederholungen des immer wieder gleichen Motivs und wenig Tempo aufweist, hätte ihm eine Kürzung bestimmt sehr gut getan.

Durchaus lesenswert mit etwas Geduld.

Alexander Osang:
Die Leben der Elena Silber

Verlag S. Fischer, August 2019

619 Seiten

4 Kommentare

  • Antworten ninakol. 6. September 2019 at 10:04

    Hui, da hast Du aber einen gewaltigen Roman erwischt, mit einer gewaltigen Geschichte. Meine Güte, diese Generation hat so viel erlebt, wenn ich da auch an meine Vorfahren denke. Da haben wir so ein gutes Leben und beschweren uns doch…
    (Egal, ob der Roman fiktiv oder real ist)
    Aber wenn er 600 Seiten stark ist und die Figuren einen nicht packen… dann schaffe ich so ein Werk wohl eher nicht, allein emotional
    Liebe Grüsse
    Nina

  • Antworten Mandy 6. September 2019 at 21:42

    Oh, das hört sich ein wenig nach schwerer Kost an und erinnert mich an Erzählungen meiner Großeltern. Eine schlimme Zeit.
    Für mich wäre das keine Lektüre obwohl ich grundsätzlich alles lese, es muss mich nur gleich auf den ersten Seiten richtig abhole…
    Da hast Du kräftig Ausdauer bewiesen und trotz Drama und Melancolie druchgehalten. Das Cover gefällt mir auch sehr, hätte mich auch neugierig gemacht.
    Da wünsche ich Dir als nächstes leichtes, schönes Lesefutter 🙂
    Nun stöbere ich noch wieder ein bisschen bei Dir.
    Hab ein schönes Wochenende.
    Liebe Grüße von der Insel Rügen, Mandy

  • Antworten Gretel 14. September 2019 at 11:18

    Sehr interessant! Von dem Roman hatte ich noch nichts gehört. Ich kenne und liebe Alexander Osang durch seine vorherigen Bücher und vor allem durch seine Berichte und Kolumnen beim Spiegel. Eigentlich mag ich seine Ausdrucksweise. Schade, dass es ihm nun nicht so flüssig von der Hand ging. Danke für den Tipp.

    • Antworten Andrea 14. September 2019 at 14:31

      Hallo Gretel,
      naja, es ist schon „flüssig“ geschrieben. Halt ein bisschen russisch melancholisch. Aber durchaus lesbar.
      Liebe Grüße
      Andrea

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