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Mehr als nur Märchen – Mit den Grimm-Brüdern durch bewegte Zeiten schreiten {Buchtipp}

21. Oktober 2026

Märchen werden in unserer Familie schon immer geliebt. Nicht nur deutsche, sondern Märchen aus aller Welt. Über den Ursprung der deutschen Märchen wusste ich schon einiges, auch über die deutschen Märchensammler, die Gebrüder Grimm. Doch in diesem Buch hatte ich das Gefühl, die beiden fast persönlich mit all ihren Eigenarten kennenzulernen und mit ihnen durch die turbulenten Zeiten zu wandern, in denen sie lebten.

Tilman Spreckelsen: “Fast wie im Märchen: Die Brüder Grimm und ihre Zeit”

„Und wenn Schneeweißchen sagte: ‚Wir wollen uns nicht verlassen,‘ so antwortete Rosenrot: ‚Solange wir leben, nicht‘ “ 
Wer ahnt schon bei diesen bekannten Worten aus einem Grimm’schen Märchen, wie viel dieses Bild über die berühmten Brüder aussagt?

Die Märchen der Brüder Grimm haben die Zeiten überdauert und die Ländergrenzen schon lange gesprengt. Auch wenn der Reigen ihrer Märchen weltbekannt ist, so wissen doch nur die Wenigsten über die Lebensumstände und das weitere Werk von Jacob und Wilhelm Grimm. Mir waren auch nur einige Bruchstücke daraus bekannt. Da fühle ich mich von Tilmann Spreckelsen förmlich in die spannende Zeit der Grimmbrüder katapultiert. Wie haben sie gelebt, welche Verbindungen pflegten sie zu bekannten Zeitgenossen und womit befassten sie sich über das Sammeln von Märchen hinaus.  

Bei Familie Grimm daheim

Lebhaft kann man in das Leben und Wachsen der Grimm’schen Familie eintauchen. Denn neben den bekannten Jacob und Wilhelm gab es noch drei jüngere Brüder und eine Schwester – Carl, Ferdinand, Ludwig und Lotte. Es berührt, wenn man die seit der Kinderzeit innig verbundenen Brüder vor Augen gestellt bekommt, die sich in der kargen Kinderzeit ein Bett teilen. Nach der Schulzeit trennen sich die Jacob und Wilhelm auch im Studium nicht. Beide sind bedacht darauf, an gleichen Zielen gemeinsam zu arbeiten. Selbst als Wilhelm eine Familie gründet, wird es seiner Frau Dorothea klar gewesen sein, dass Jacob selbstverständlich zum Haushalt gehört. Für die Nichten und Neffen wird er wie ein zweiter Vater.

Man begleitet Jacob und Wilhelm Grimm und auch deren Geschwister detailreich und spannend erzählt durch ihr Leben: von Kleidungsvorlieben, ihren Wohnungen, Umzügen von Kassel nach Göttingen und Berlin, Reisen bis nach Paris, Anstellungen, Krankheiten, familiären Verantwortungen, Ansprüchen und Sorgen.
Berührt hat mich, wie selbst die Herzkrankheit, die Wilhelm Grimm sein Leben lang belastet, sich in Märchen wie dem „Froschkönig“ niederschlägt.  

Politisch und gesellschaftlich turbulente Zeiten

Ihre Biographie ist eingebettet in ein anschauliches Bild ihrer politisch bewegten Zeit. Es ziehen dieFranzösische Revolution, Napoleons Herrschaft und Kriege, die Restauration und die Revolution von 1848 vorbei. Ereignisse, die das Leben und Wirken der Brüder Grimm beeinflussen. Sie nehmen aktiv teil an den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen. Als bekannte Gelehrte engagieren sie sich politisch. So wirdJacob Grimm 1848 ins Parlament der Frankfurter Paulskirche gewählt. Interessant finde ich, dass er im Rückblick gerne radikaler abgestimmt hätte.

Wie wirken die technischen Innovationen auf die Märchensammler? Sie erleben beispielsweise, wie die Eisenbahn ihre Reisemöglichkeiten erweitert.
Als unermüdlich arbeitende und sammelnde Wissenschaftler und Bibliothekare pflegen beide Brüder viele Kontakte zu berühmten Zeitgenossen  wie z.B. Heinrich Heine, Achim und Bettina von Arnim, Clemens von Brentano,  Friedrich Carl von Savigny u.v.a.. Da verfolgt man doch gern, wie Wilhelm Grimm auf Besuch beim alten Goethe bei Hasenbraten und Rotwein am Tisch sitzt. Ich finde es aufschlussreich, auch Berühmtheiten wie Clemens von Brentano aus einer anderen Perspektive zu sehen, was meine Sicht auf ihn durchaus verändert hat.    

Es wird sehr deutlich, wie groß der Einfluss der beiden Wissenschaftler und Bibliothekare auf die Entwicklung der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft war. Eindrucksvoll ist für mich ihr Kampf für die Aufklärung und Freiheit gewesen. Die Schilderung ihrer vielen Kontakte zu wichtigen zeitgenössischen Schriftstellern, Politikern und Akademikern hat mich immer wieder dazu animiert, einigen Namen noch einmal intensiver nachzugehen. Schade finde ich, dass manches doch etwas nonchalant am Rande abgehandelt wird. So erscheint die erste Frau Brentanos, Sophie Mereau, lediglich als Gebärende, dass sie Schriftstellerin war, bleibt unerwähnt. Andere Begegnungen, wie mit Hans Christian Andersen, ließen mich schmunzeln.   

Emotional und aufschlussreich

Der Lebensweg der Grimmbrüder wird hier angenehm übersichtlich in zwanzig Kapitel eingeteilt, die inspiriert von Werken des Malers und jüngsten Grimmbruders Ludwig Emil „Louis“ stimmungsvoll illustriert sind.  Beim Lesen war stets meine volle Aufmerksamkeit gefragt, um bei den vielen verschiedenen Familienmitgliedern und historischen Persönlichkeiten den Überblick zu behalten. Die wichtigsten Daten sind im Anhang nochmals übersichtlich aufgeführt, was wichtig ist, da der Autor gern in der Zeit springt. Ich hätte mir zusätzlich einen Stammbaum der Familie Grimm gewünscht, um die Beziehungen im Auge zu haben. Auch ein genaueres Personenregister wäre interessant, da musste ich nebenbei immer wieder in Netz weiterforschen.
Bemerkenswert und eindrücklich empfand ich das lebhafte Eintauchen in die Epoche, den emotionalen Zugang zu den Persönlichkeiten und Charakteren der beiden Brüder. Menschen, die sich für Geschichte, Literatur und Biographien interessieren, werden begeistert sein.

Ich bedanke mich beim Propyläen- Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Auf meine Meinung und Rezension des Buches hat dies keinen Einfluss.

Tilman Spreckelsen:
Fast wie im Märchen: Die Brüder Grimm und ihre Zeit
Propyläen Verlag, Oktober 2026
464 Seiten

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