Wenn ihr gerade genug vom Chaos in der Welt und vom stressigen Trubel im Alltag habt, sehnt ihr Euch bestimmt nach einer Auszeit. Wie wäre es mit einer bedächtigen Tour in Südfrankreich nur mit einem warmherzigen, langohrigen Begleiter, der Eure kleine Ausrüstung trägt und nicht beim Tagträumen stört.
Okay, ab und an müsst ihr Euch überlegen, warum Euer Begleiter spontan verharrt und außer an Disteln zu knabbern nicht vorwärts zu bewegen ist. Nein, er will partout nicht über die malerische Brücke. Schaut sie Euch mal aus Eselsperspektive an…
Es ist Euch derzeit zu heiß fürs Wandern? Naja, dann könntet Ihr auch Merrifield und Esel Gribouille in diesem Klassiker der sogenannten Entspannungsliteratur begleiten.

Andy Merrifield: “Die Weisheit der Esel: Ruhe finden in einer chaotischen Welt“
Um ehrlich zu sein, mich hat vor allem das einfache, aber sehr ausdrucksstarke Cover dieses Buches angezogen. Ich habe ein gewisses Faible für Esel und finde die Langohren einfach unwiderstehlich. Diese Info ist vielleicht wichtig, denn Andy Merrifields Buch ist bestimmt nicht jedermanns/-fraus Geschmack. Eigentlich kann es weder ausgeprägte Handlung noch Tempo vorweisen, und es führt auch nicht wirklich irgendwo hin.
Man sollte keinen Bericht über eine Urlaubsaktivität mit einem Esel erwarten. Immerhin bringen uns Andy Merrifield und der schokoladenbraune Esel Gribouille auf ihrer Tour durch die eindrückliche Landschaft der Haute-Auvergne in Südfrankreich die Beschaulichkeit und Schönheiten der Natur, kleine Abenteuer und verwunschene Plätze näher. Merrifield verfasst jedoch keine Reisebeschreibung. Sondern er nutzt die Zeit dieser Tour mit dem Vierbeiner, um über sein eigenes und das Leben an sich zu meditieren. Er verlangsamt sozusagen sein Lebenstempo, passt es dem des Esels an, lässt die Gedanken schweifen und sinnt über Literatur, Wissenschaft, Facettenreichtum der Natur, Identitätsfindung etc. nach.

Der heimliche Held des Buches ist (für Tierfans) eigentlich der Esel Gribouille (von frz. Kritzeln), der seinen zweibeinigen Begleiter immer wieder mit unergründlichem Verhalten und subtiler Weisheit überrascht. Bald lernt Merrifield Gribouilles langsame aber beständige Geschwindigkeit und spontane Halts zu schätzen und zu verstehen. Er verändert sich in dieser neuen Partnerschaft und lässt sich inspirieren von seiner Vorstellung von der Eselsperspektive.
Mir haben hat das Buch am besten gefallen, wenn es die Biologie und Eigenschaften der Esel und die Geschichte des Verhältnisses der Menschen zu den Eseln beschreibt. Obwohl die Esel vor 8000 Jahren domestiziert wurden, haben wir Menschen sie nie wirklich gut behandelt. Da Esel eine hohe Schmerzgrenze haben, wurden sie von den Leuten oft gnadenlos geschlagen, um sie anzutreiben. Beeindruckend ist das Ausmaß des emotionalen Schmerzes der Esel, besonders wenn sie einen Kumpel oder Freund verlieren.
Merrifield hat seine Erkenntnisse vor allem im Sidmouth Donkey Sanctuary in England und bei Tierbegegnungen in Marokko, Ägypten und Frankreich gewonnen. Sehr eindrücklich vermittelt er, dass die Natur des Esels nicht ist, stur und schwierig zu sein, sondern ihr Verhalten reiner Überlebenswille ist.
„So ist das nun mal mit einem Esel. […] Er bietet einem das Geschenk , den Rhythmus präziser Schritte zu genießen, gemächlicher auszuschreiten und dennoch weiter voranzukommen, den Augenblick wie einen kostbaren Schatz zu hüten, ihn zu verlängern, ihn auszukosten in seiner ganzen Fülle…“ S. 39
Wer auch literarisch interessiert ist, hat bestimmt Spaß an den gedanklichen Ausflügen zu den Eseln, die bereits in der Bibel und im Koran auftauchen, wie auch bei Robert Louis Stevenson, Cervantes‘ Don Quixote, George Orwell, der Dichterin Anne Sexton, A. A. Milne, Tao Mystikern und anderen . Da werden endlich z.B. Sancho Panzas Esel Dapple oder Old Benjamin aus Orwells Farm der Tiere ins rechte Licht gerückt.

Wer es noch nicht wusste, es gibt nicht nur Therapiehunde, sondern auch –Esel, die Kommunikation, Entspannung und Gefühle positiv beeinflussen. Diese Funktion übernimmt Gribouille wohl hier für den Autor.
„Unter Gribouilles aufmerksamen Augen durfte ich einen Blick auf mein verlorenes, wahres Ich werfen und Anspruch erheben auf meine verlorene Unschuld…“ S. 257
Merrifield hat internationales Großstadtleben und wissenschaftliche Karriere aufgegeben, um sich im ländlichen Frankreich niederzulassen. Nun nutzt er die Tour mit dem schokoladenbraunen Esel, der Löwenzahl und Disteln vertilgt, für einen Rückblick, Analyse und Befreiung von Ballast.

Er breitet keine großen Philosophien oder tiefgründige Meditationen vor seiner Leserschaft aus, sondern eher ein paar Splitter einer Reise nach Innen und ein paar Impressionen der Reise außen mit entspannenden Tagträumen an frischer Luft. Wer sich darauf einlassen mag, kann bestimmt gut entspannen und Tempo aus dem Alltag nehmen. Vielleicht bekommt man Lust auf eine Eselswanderung.
Ich bedanke mich beim Nymphenburger Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Auf meine Meinung und Rezension des Buches hat dies keinen Einfluss.
Andy Merrifield:
Die Weisheit der Esel: Ruhe finden in einer chaotischen Welt
Übersetzt v. Ursula Bischoff
Nymphenburger Verlag, 2019
271 Seiten


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