Eigentlich wollte ich nur kurz in die Stadt, um etwas in der Änderungsschneiderei abzuholen. Aber seit vielen Jahren habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Fahrten nach Konstanz zu genießen und Lieblingsgassen zu benutzen. Morgens liebe ich die Stadt am allermeisten. Und heute nehme ich euch mit auf eine kleine Runde an einem Januarmorgen.

Zuerst durchquere ich den skurrilen “Konstanzer Triumphbogen” oder auch nach seinem Bildhauer Peter Lenk benannten Brunnen. Dreißig bekannte und unbekannte Personen stellt Lenk hier karikierend im Freizeitverhalten und Autowahn der heutigen Gesellschaft dar. Auch Motive des Konstanzer Konzils werden wieder aufgegriffen. Die Wasserspiele sind im Winter nicht zu sehen, deshalb sitzt der Herr hier auf dem Trockenen. Witzig, wie via des LKWs sogar die Insel Reichenau einen Blick auf den Brunnen wirft…

Kaum über die Laube und durch den Torbogen gelaufen, stoße ich auf die die Bronzeskulptur der “Konstanzer Schwurhand” (von Franz Gutmann). Das Bild des mittelalterlichen Schwurs bricht sich an dieser Stelle nicht ohne Grund durch das Pflaster, denn hier in der Altstadt befinden sich viele juristische Stätten. Gleich nebenan im alten Lanzenhof befindet sich die Konstanzer Staatsanwaltschaft.

In der Mauer neben der Schwurhand befindet sich ein schmiedeeisernes Tor. Wer es öffnet kann die kleine Parkanlage vor dem Lanzenhof durchschreiten und an der anderen Seite wieder auf die Gasse treten. Ich mache das sehr gerne. Das Gebäude mit dem charakteristischen Treppengiebel im Hintergrund stammt aus dem 14. Jahrhundert. Nein, mit mittelalterlichen Lanzen hat es gar nichts zu tun. Der Lanzenhof leitet seinen Namen von früheren Besitzern ab, der Familie Lanz von Liebenfels.

Es lohnt sich immer wieder, einen Blick in Ecken und Winkel der Altstadt zu werfen.

Vom St. Stephansplatz nehme ich eine kleine, sehr schmale Gasse, denn so kann man sich herrlich aus dem lauten Trubel (vor allem nachmittags) rausziehen.

Winkelig geht es in der schmalen Salmannsweilergasse weiter. Die Gasse führt hinab Richtung See und erhielt ihren Namen vom Pfleghof des Klosters Salem in Konstanz dem Salmannsweiler Hof, der leider 1866 abgerissen wurde. Konstanz hat sogar wie ihr seht “goldene” Hydranten, hier vor einem Juwelier.

Unten an der Ecke biegen wir rechts ab in die Hohenhausgasse und könnten hier überlegen, welchen Frosch wir küssen wollen. Wir könnten uns ja im anliegenden Friseurgeschäft diesbezüglich beraten lassen. Ich liebe diese kleinen Geschäfte, denn auf den größeren Gassen herrschen mittlerweile die großen Ketten vor, die man ja überall findet.

Ein Blick auf den Wohnturm “Zum goldenen Löwen”, hier die Gemälde des Hinterhauses. Entstanden ist der Wohnturm 1450, die Malerein sind von 1580. Hier duftet es ganz herrlich. Der feine Geruch stammt aus unserer Stamm-Bäckerei auf der anderen Seite der Gasse.

Bevor ich schnell in die Änderungsschneiderei gehe, werfe ich noch einen Blick auf das Rathaus. Ja, die Fasnacht hält Einzug, überall hängen bunte Bändle, die einfach zur schwäbisch-alemannischen Fasnacht gehören. Und natürlich mache ich noch ein paar Probefotos an meinem neuen Fotostandort für den 12tel-Blick, aber den verrate ich noch nicht.

So, nun bin ich auf dem Rückweg zum Parkhaus. Im Juli 2024 ereignete sich hier ein furchtbarer Brand, bei dem das Stadlerhaus (Bildmitte mit markantem Giebel) fast abbrannte. Was für ein Schock für alle Konstanzer! Das markante, prächtige Jugendstilgebäude wurde 1903-1905 erbaut und anfangs als Verlags- und Druckereigebäude vom Konstanzer Verleger Friedrich Jakob Georg Stadler genutzt. Später befand sich ein Einrichtungsgeschäft und Wohneinheiten im Gebäude. Derzeit wird es umfassend saniert und teilweise neu aufgebaut.
Brände sind in dieser engen Altstadt extrem gefährlich, weil sie sehr schnell um sich greifen können. Deutsche und Schweizer Feuerwehren waren damals hier im schwierigen Einsatz.

Bevor ich in einer weiteren Gasse verschwindet, schaue ich noch ins Schaufenster des Ladens im Gebäude “Zur vorderen Jungfrau”. Noch immer ein Haus voller Verlockungen für jegliches Geschlecht…

Am Münsterplatz blicke ich noch mal hinüber auf meinen 12tel-Blick Fotostandort des letzten Jahres. Wer hier öfter vorbei kommt, kennt ihn. Links ist übrigens das Haus zur Kunkel, in dem man mittelalterliche Wandgemälde gefunden hat. Aber das ist vielleicht ein Thema, wenn ich mit Euch in die Niederburg spaziere. Wir bleiben aber noch in der mittleren Altstadt.

Der Münsterturm, der gerade eingerüstet ist und renoviert wird, taucht mit seiner Spitze mal wieder in den Nebel ein. Das Haus mit der Sandsteinfassade rechts ist übrigens das “Haus zur Katz”, die dieser Gasse ihren Namen schenkt: Katzgasse. Im Mittelalter war dies der Sitz der Gesellschaft “Zur Katz”, eine Vereinigung einflussreicher Familien der Stadt mit durchaus politischen und wirtschaftlichen Funktionen. Der Minnesänger Oswald von Wolkenstein war hier übrigens auch zu Gast. (Bei mir im Bücherregal steht seine sehr empfehlenswerte Biographie von Dieter Kühn: “Ich, Wolkenstein. Die Biographie”.) Ich schweife ab… aber hier in Konstanz kann man an jeder Häuserecke abschweifen. Da komme ich ja nie nach Hause…

Die Katzgasse mündet wieder auf die Laube. Früher zog sich an dieser Stelle die Stadtmauer entlang. Wir werfen noch mal aus dieser Richtung einen Blick auf den “Konstanzer Triumphbogen” vom Anfang. Ich glaube, Konstanz lohnt durchaus noch einen weiteren erkundenden Spaziergang im Lauf des Jahres.


Die Biographie habe ich vor Ewigkeiten gelesen (und fand sie auch gut, sonst hätte ich sie vergessen)
Dein Rundgang bringt einige wenige Erinnerungen (Touristen halt 🤣) aber viele schöne Bilder und Infos. Vielen Dank fürs Mitnehmen
Liebe Grüße
nina
Gern bin ich mal um diese Jahreszeit mitflaniert, kenne die Stadt ja nur im Sommer mit Sonnenschein oder Wolkenbruch.-
Dieter Kühn ist hier umfangreichst vorhanden. Sein Lebensuch “Das magische Auge” fand ich dann doof.
GLG
Astrid
Liebe Andrea,
ach wie schön mal wieder die Innenstadt von KN zu sehen. Ich sollte auch mal wieder rein ins Getümmel, meistens schaffe ich es nur bis ins Industriegebiet zum Einkaufen.
Liebe Grüße über den Bodanrück sendet Dir
Burgi
Konstanz lohnt noch mehr als einen Spaziergang, würde ich mal sagen. Was ich sehe gefällt mir gut. In Lindau war ich vor etwa 3 Jahren mal, aber nach Konstanz habe ich es noch nicht geschafft. Alte Bausubstanz und enge Gassen mag ich. Und Kunst mit Augenzwinkern. Der Triumphbogen hat schon was. Und Mensplainig können offensichtlich nicht nur Männer 😉 Spazierwege und Parks auf ehemaligen Wallanlagen sind übrigens eine verbreitete Maßnahme der Stadtumbauten des 19. Jahrhunderts, die vielen Städten zu Grünachsen verholfen haben. Hier mag ich, dass der Triumphbogen den Weg auch noch rahmt. Ich bin gespannt was du uns noch so an Spaziergängen zeigen wirst.
Liebe Grüße, heike
Die oben sitzende Brunnenfigur ist doch eine Frau? Oder sehe ich das nicht richtig?
Trocken? Nein, mich interessiert sowas sehr. Stadtgeographie hatte ich zwar nicht an der Uni, aber Städtebauliche Denkmalpflege. Mir scheint, ich kann mich auf sehr interessante Spaziergänge freuen.
LG heike