Dass ein Tier den Blickwinkel eines Menschen auf das Leben und die Umwelt verändert, ist bestimmt nicht selten. Aber eine Maus? Naja, seit die Wanderratte Rémy in “Ratatouille” die Herzen der Zuschauer erobert hat, haben viele den Charme kleiner Nager entdeckt. Der tierische Held der folgenden Geschichte braucht auch gar keinen starken Einsatz, um große Wirkung zu erzielen.
Simon van Booy: “Eine Maus namens Merlin” (Originaltitel “Sipsworth”)
Wie gemütlich sich die niedliche Maus auf dem Cover in den karierten Seniorenpantoffel kuschelt… Auch wenn sich in diesem Roman viel um diesen kleinen Mäuserich dreht, werden doch auch weniger heitere Dinge thematisiert: Alter, Einsamkeit, Kummer und Verlust. Wie gut, dass Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft diese aufwiegen.
Rückkehr in die Vergangenheit
Sechzig Jahre nachdem Helen Cartwright von England nach Australien ausgewandert ist, kehrt sie über 80jährig zurück in den englischen Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Mehr als einen Koffer hat sie nicht mitgebracht. Sie kommt allein, denn Mann und Sohn sind in Australien gestorben.
Sie zieht sich zurück in ein bescheidenes Zuhause in der Wohngegend ihrer Kindheit, verharrt isoliert drei Jahre ohne jegliche sozialen Kontakte in einem kargen Leben um Routine und Gewohnheit herum. Letztendlich bereitet sie sich ohne großes Aufhebens auf ihren Tod vor.
Doch das Leben hat seinen eigenen Plan. Über einen Zeitraum von knapp zwei Wochen begleiten wir Helen, beginnend an einem Freitag, als sie unfreiwillig mit dem aufgesammelten Gerümpel des Nachbarn eine kleine Hausmaus in die Küche trägt.

Man kann sich sehr gut in die recht authentisch dargestellte Helen hineinfühlen. Es berührt, die Entwicklung der Witwe zu beobachten, ausgehend vom alten Menschen, der sich eigentlich schon selber aufgegeben hat und nur noch von und in Erinnerungen lebt. Es ist wie eine Rückkehr zu den Wurzeln, obwohl dort einen niemand mehr zu kennen scheint.
Die Einsamkeit durch die Verarmung an Kontakten, die körperlichen Einschränkungen durch das fortgeschrittene Alter, die Traurigkeit durch die Verluste: Helen erwartet nichts mehr vom Leben.
Rettung der kleinen Maus
Dass in Helen vom ersten Moment an Empathie für das kleine tierische Leben erwacht, macht sie besonders liebenswert. Dieses Mitgefühl setzt in Helen Kräfte und am Ende Lebenswillen in Gang. Um ihre Maus zu retten, traut sie sich auf eine Reise mit vielen notwendigen sozialen Begegnungen.
Gerade, wenn man sich sicher in seinem Bild von der Figur der alten Witwe Helen zu sein scheint, dann schafft sie es, mit der Enthüllung ihres Lebensweges einen absolut zu überraschen. Eine Wendung, die einen zum Nachdenken bringt…
„Das ist richtig. Da sehen Sie, ich bin nicht nur irgendeine alte Frau.“ S. 173
Die anfängliche depressive Stimmung des Buches löst sich mit Helens Engagement immer mehr auf. Als Leser*in ist man selbst immer wieder überrascht, wie sich plötzlich um die Maus eine Art Gemeinschaft bildet.
Merlin, die heimatlose Hausmaus, die im Original „Sipsworth“ heißt, bleibt als Charakter selber (leider) blass und schwächlich. Mich hat beim Lesen etwas verwundert, dass zweimal im Text der englische Originalname „Sipsworth“ (bzw. Sips) anstatt des (unkreativen) Ersatznamens Merlin verwendet wird. Wohl kaum Absicht, sondern eher Fehler oder Nachlässigkeit beim Übersetzen/ Lektorieren?

Fazit
Diese berührende, herzerwärmende Geschichte geht Themen an, die uns alle irgendwann betreffen werden. Dass gerade ein so kleines Tier es schafft, einen Menschen zu bewegen, seinen Lebensfaden wieder aufzugreifen, bewegt mich besonders.
(Einen Punkt Abzug gibt es bei mir für das KI-generierte Cover. Ich mag die von Menschenhand gestalteten Cover aus Prinzip lieber.)
Ich bedanke mich beim Klett-Cotta Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Auf meine Meinung und Rezension des Buches hat dies keinen Einfluss.
Simon van Booy:
Eine Maus namens Merlin
übersetzt v. Dorothee Merkel
Verlag Klett-Cotta, März 2026
256 Seiten


3 Kommentare
Wie, selbst Klett Cotta unterläuft so ein Fehler und es gibt ein KI Cover? Der Verlag wurde damals gegründet, um handwerkliche und schöne und besondere Bücher zu verlegen.
Nun, wohl Kostendruck.
Ich habe mich nicht getraut, dass Buch zu lesen, zu traurig der Anfang.
Liebe Grüße
nina
Das Buch hatte ich auch schon in der Hand, danke für die schöne Rezension! Ja – ich mag schöne handgestaltete Cover auch viel lieber. VG Ingrid
Würde mich interessieren aber ob ich mich das traue. LG aus Wien