Bei diesem “Spionage”-Roman fühlte ich mich immer wieder in das Jahr 1989 zurück versetzt. Das Gefühl, dass sich nun vielleicht das Modell der Demokratie überall durchsetzt und eine bessere Zeit anbrechen würde, war bei mir damals jedenfalls vorhanden. Alles schien möglich, vor, wie auch hinter den Kulissen. Ein Moment, in dem sich Grenzen auf allen möglichen Ebenen zu verschieben schienen.
Dieser Roman katapultiert seine Leserschaft mit viel Humor und manchen Absurditäten zurück. Manches erscheint einem aus heutiger Sicht fast skurril, was damals kurzfristig realisierbar war. Heute nickt man beim Lesen oft, weil man im Rückblick nach politischen Machtverschiebungen, Klimakrise, Pandemie, Krieg etc. ja soviel mehr weiß. Wenn uns derzeit angesichts Spionage und Russland nur das Grauen in den Sinn kommt, tut es gut, mal ein paar Seiten lang schmunzeln und lachen zu dürfen.
Kristof Magnusson: Die Reise ans Ende der Geschichte
Steht der ideale Spion ausspähend an einer dunklen Unterführung mit hochgeschlagenem Mantelkragen und dunkler Brille? Mitnichten! Zur Spionage eignen sich extrovertierte, gesellige, neugierige Menschen viel besser. Sie sind eher „everbody’s friend“, sehr sympathisch und kommen schnell mit allen Leuten in Kontakt. Das wäre Jakob Dreiser nie in den Sinn gekommen, denn für seine Vorstellung wäre er ja als junger in der Kulturszene bekannter Dichter viel zu auffällig, um in die landläufige Vorstellung eines Spions zu passen. Aber gerade weil er sich anpassungsfähig in verschiedensten Milieus bewegt, ein Talent für Zwischenmenschliches hat und sehr viel erfährt, wirft Dieter Germersheim ein Auge auf ihn. Und der muss es ja wissen. Schließlich steht er seit 27 Jahren im Dienst des BND, inoffiziell versteht sich. Natürlich hat er einen anderen Job zur Tarnung.
Der eiserne Vorhang fällt
Wir schreiben das Jahr 1989. Die Mauer fällt, der eiserne Vorhang löst sich genauso auf wie die UdSSR. Viele Menschen schöpfen Hoffnung, so wie der junge Künstler Jakob Dreiser:
“Das ist eine Chance, wie sie nie zuvor da war, in der ganzen Geschichte nicht. Das ist das Ende der Geschichte.“ S. 35
Ist das wirklich „Das Ende der Geschichte“ (englisch End of History) wie es auch der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama formulierte? Mit Zeitenwenden kennen wir Leser der Gegenwart uns ja gerade aus, im Rückblick kann man damit lockerer umgehen…
Da stehen sie, die Charaktere dieses Romans, russische Spezialitäten kostend auf der Gartenparty der russischen Botschaft in Rom, die sich plötzlich offen und gesellig gibt. Agent Germersheim hält den frisch akquirierten Jakob Dreiser für blauäugig:
„Glauben Sie wirklich, die denken plötzlich alle anders und vergessen, was sie jahrzehntelang gedacht haben? Für die sind wir immer noch der Feind. Und die für uns. Die hören doch nicht auf zu hassen.“ S. 34
Damit beweist er, wie man aus heutiger Perspektive weiß, eine große Weitsicht. Doch der Autor Kristof Magnusson katapultiert uns in diese Situation, in der noch alles voller Hoffnung und möglich scheint. Da schmunzelt man über den Agenten Germersheim, der überhaupt nicht begeistert ist, weil doch nun seine Existenz und die aller Spione und Doppelagenten auf dem Spiel steht.

Ritt auf der Rasierklinge
Ausgerechnet in Rom startet nun die turbulente, witzige, immer wieder überraschende Reise der angejahrten Spione, Doppelagenten und des Dichters, der sich begeistert anwerben lässt, obwohl er kreative Lösungen dem Folgen von Anweisungen vorzieht. So verlockend dreht sich das Karussell der Geschäfte mit Militärgerät, ob in Kasachstan oder Kolumbien, inclusive Ritt auf der Rasierklinge oder – wie auf dem Cover – der Tanz auf dem Rand des Giftkelchs.
Tolle Figuren
Kristof Magnusson schafft liebevoll und detailreich sehr authentische Charaktere. Der große Kontrast seiner beiden so unterschiedlichen wichtigsten männlichen Protagonisten macht ihr Zusammenspiel herrlich skurril.
Die beiden weiblichen Charaktere Dominique und Francesca Aquatone stehen nicht so im Zentrum, richten ihre Aufmerksamkeit aber auf wichtige Dinge und üben ihre Macht im Verborgenen aus. Mir gefällt besonders die kluge Francesca, die mit mehreren Identitäten jongliert und nicht unterschätzt werden sollte.
„Ich bin nicht wie Dieter, ich bin schlimmer. Dieter denkt, alles ist weiterhin genauso gefährlich als früher. Zu Sowjetzeiten war der Staat kriminell. Jetzt sind es alle.“ S. 102
Die Handlung ist mit vielen Wendungen sehr turbulent angelegt. Die Ideen und Pläne der Figuren wirken manchmal fast absurd, aber auch wenn sie mit Absicht überzeichnet sind, so zeigen sie doch, wie in dieser Umbruchszeit, einem Wendepunkt in der Geschichte, alles in Bewegung, im Zustand der Ungewissheit, Regellosigkeit und Chaos war. Auf der Reise geht so manches schief, einige Kurven und Abstürze werden noch aufgefangen. Überraschungen sind von Anfang an garantiert.
Magnusson erzählt mit viel Humor, jongliert mit Absurditäten und skurrilen Ideen. Mir sagt seine Hintersinnigkeit sehr zu. Die Figuren haben Tiefe und sind mit viel Hingabe entworfen. Die Geschichte hat Tempo, macht viel Spaß beim Lesen und gibt einem auch immer wieder zu denken.
Ich bedanke mich beim Klett-Cotta Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Auf meine Meinung und Rezension des Buches hat dies keinen Einfluss.
Kristof Magnusson:
Die Reise ans Ende der Geschichte
Klett-Cotta Verlag, Februar 2026
288 Seiten


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