Stets bin ich auf der Suche nach spannenden Kinder- und Jugendbüchern, denn bei uns in der Großfamilie gibt es viele Leseratten. Von Jessie Burton habe ich bereits ein Buch für Erwachsene gelesen, dieses ist ihr Jugendbuchdebüt, das auch optisch wirklich was hermacht. Mir hat das mysteriöse Abenteuer am Ufer der Themse gefallen. Es ist mal eine ganz andere Schatzjagd mit unerwarteter Tiefe. Ich würde es ab 12 Jahren empfehlen.
Jessie Burton : Die Jagd nach den magischen Münzen.
Hier kommt lernt man London wirklich von einer unerwarteten Seite kennen! Da die Themse von den Gezeiten der Nordsee beeinflusst wird, gibt sie zweimal an jedem Tag bei Niedrigwasser den Flussschlamm ihrer Ufer frei. Plötzlich können im Schlamm jahrhundertealte, auch durchaus wertvolle Objekte in sehr gutem Zustand auftauchen.
Wie auf dem stimmungsvollen Cover des Romans abgebildet, durchwühlten arme Londoner Straßenkinder in den vergangenen Jahrhunderten systematisch den Schlamm am Themse-Ufer nach angeschwemmten Gegenständen, die sie verwenden oder verkaufen konnten. Natürlich hofften sie alle auf einen möglichen Schatz. Man nannte sie die Mudlarks (zu Deutsch Schlammlerche, im vorliegenden Roman Schlammschwalbe). Auch heute tummeln sich übrigens noch Mudlarks und Hobbyarchäologen dort im Themseschlamm.

Die geheimnisvolle, magische Schmuckscheibe
Dieser abenteuerliche Jugendroman erzählt die Geschichte des zwölfjährigen Mädchens Bo Delafort, eine Halbwaise, die im armen industrialisierten Londoner Stadtteil Battersea direkt am südlichen Ufer der Themse lebt. Stolz nennt sie sich “Schlammschwalbe” (Mudlark), als sie auf den unbekannten Billy River, einen Waisenjungen vom jenseitigen Ufer trifft. Zusammen werden sie sich auf die Jagd nach magischen Münzen begeben. Denn als Bo eine wertvolle Schmuckscheibe aus dem Schlamm befreit, vernimmt sie plötzlich die magische Stimme des Flusses, der ihr unter bestimmten Bedingungen die Rückkehr eines geliebten Menschen verspricht.
Bo ist gerade in großer Sorge um ihren blutjungen Bruder Harry, der nun in den großen Krieg ziehen muss, den man später den 1. Weltkrieg nennen wird. Billy und Bo haben bereits geliebte Menschen verloren, die sie herbei sehnen, sie sind bitterarm und könnten den Erlös eines Schatzes gebrauchen. Doch nicht nur die beiden sind an dem ungewöhnlichen Schatz interessiert.
Magie, Mystery und etwas Gothic
Diese Geschichte ist eigentlich mehr als eine Jagd nach einem Schatz wie der Titel verspricht. Sie verwebt die Schatzsuche mit Magie und „Mystery“ vor einem ungewöhnlichen historischen Hintergrund. Anfänglich glaubt man sich durch die Stimmung in die viktorianische Epoche zurückversetzt. Doch der erste Weltkrieg macht sich bitter und grausam bemerkbar.
Mir gefällt Bo, die als unerschrockener Charakter durch die Geschichte führt und an den Herausforderungen wachsen muss. Ihre Entwicklung ist sehr authentisch dargestellt. Einige Charaktere sind sehr ungewöhnlich wie Billy, der sich erst selber ein Bild von sich machen muss, der bösartige Mr. Muncaster, seine Verlobte und Bos neue Lehrerin.
Niemand erweist sich so, wie er auf den ersten Blick erscheint. Bo muss mit Täuschungen und Enttäuschungen umgehen lernen. Das sind auch Herausforderungen für die junge Leserschaft.

Der sprechende, mächtige Fluss
Eine sehr wichtige Rolle spielt der Fluss selber. Die Themse ist fast wie ein Charakter in der Geschichte, denn für die Bewohner ihrer Ufer ist sie ein lebendes Wesen. Ein Hort von Schätzen, die er zu geben und nehmen vermag, voller Erinnerungen und verlorener Dinge. Der Fluss hat eine unkontrollierbare Macht, die man zu respektieren hat. Und manchmal entscheidet die Flussströmung, Menschen Schätze oder auch Einsichten zu schenken.
Wendungen, Täuschungen, Verlust
Das anfängliche ruhige Tempo steigert sich, die Suche wird zu einem hindernisreichen Rennen gegen die Zeit. Die Wendungen sind sehr überraschend, zumal sie offenbaren, dass es hier um mehr als eine magische Schatzjagd mit vielen Gruselelementen geht.
Das Thema Freundschaft ist sehr wichtig, aber auch Verlust, Schmerz, Gier, Hass und Tod spielen elementare Rollen. Das sollte man wissen. Die Handlung hat durchaus eine emotionale Tiefe.
Ich empfinde den Spannungsbogen als gelungen. Aufmerksame junge Leser und Leserinnen können im Laufe des Buches manche Täuschungen vorher entdecken. Doch ich hätte mir gewünscht, dass die Trigger wie Tod und Verlust in einem kurzen Vorwort erwähnt werden. Ansonsten passen diese Themen sehr gut in die Geschichte als unerwarteter Drehpunkt und Entwicklungsmoment der Protagonisten.
Die Altersempfehlung vom Verlag ist 10-14 Jahre. Ich persönlich denke, dass das Buch bei 12 bis 14 jährigen auf eine geeignete Zielgruppe treffen würde.
Ich bedanke mich beim Carlsen Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
Auf meine Meinung und Rezension des Buches hat dies keinen Einfluss.
Jessie Burton:
Die Jagd nach den magischen Münzen
Übersetzt von Annette von der Weppen
Carlsen Verlag, Januar 2026
272 Seiten


1 Kommentar
Das klingt nach einem wirklich guten Jugendbuch, was auch für mich etwas sein könnte.
Ja, heute werden in vielen Büchern Trigger Warnungen gegeben, aber das hatten ich/wir früher auch nicht und haben auch keinen Schaden genommen. Vielleicht, weil es immer klar war, dass ich jederzeit mit meinen Eltern reden konnte. Oder auch, dass diese Themen bei uns kein Tabu waren, wie es das manchmal früher wie heute waren/sind.
Danke Dir für die gute Buchvorstellung und liebe Grüße zu Dir
nina